Montag, 20. November 2017

Buchtipp: Warum die Zeit verfliegt

Burdick, Alan, Warum die Zeit verfliegt, Karl Blessing Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink / Amazonlink

Vielen Dank an den Blessing-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Alan Burdick ist Journalist für den New Yorker und hat ein Buch über die Zeit geschrieben. Er schreibt im Vorwort, dass ihm die Zeit schon immer Mühe bereitet habe, und er sich deshalb den größten Teil seines Lebens davor gedrückt habe, eine Uhr zu tragen (S. 17). Er hat sich jedoch für das Phänomen Zeit interessiert und sich auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was die verschiedenen Wissenschaften über die Zeit zu berichten haben. Er sucht Biologen und Physiker auf, durchsucht Studien und macht Selbstversuche, um hinter das Geheimnis der Zeit zu kommen.

Das Buch ist gut gefertigt, der Umschlag entspricht dem schlichten Umschlag des englischen Originals, einfach gehalten, beinahe unscheinbar. Viel weißer Hintergrund mit zwei schwarzen Uhrzeigern. Einerseits hebt sich diese Titelgestaltung wohltuend von vielen überladenen Titeln anderer Bücher ab, andererseits läuft sie Gefahr, gar nicht mehr wirklich wahrgenommen zu werden.

Burdick macht sich auf die Suche nach der präzisesten Zeit der Welt. In seiner Vorstellung muss das eine Uhr sein, welche die exakteste Zeit angibt. In Paris findet er diese Zeit, doch nicht in Form einer Uhr, denn es gibt weltweit eine ganze Reihe von Uhren, welche beständig miteinander verglichen und durch Berechnung und Schätzung aneinander angeglichen werden: „Die exakteste Uhr der Welt, die Koordinate Weltzeit, wird von einem Komitee produziert. Das Komitee verlässt sich dabei auf hoch entwickelte Computer und Algorithmen und den Input von Atomuhren, doch die Metaberechnung, die leichte Bevorzugung des Inputs der einen Uhr vor dem der anderen, wird letztendlich durch die Debatten bedächtiger Wissenschaftler gefiltert. Zeit ist eine Gruppe diskutierender Menschen.“ (S. 42)

Einen großen Bereich des Buches nimmt das Thema Zeitwahrnehmung ein. Das Leben ist von einem circadianen Rhythmus geprägt. Circadian heißt „um den Tag herum“, was etwa so viel bedeutet, dass dieser Rhythmus ungefähr 24 Stunden dauert. Viele Zellen unseres Körpers funktionieren ungefähr circadian, wobei das Tageslicht, das in unsere Augen fällt, immer wieder zum Taktgeber wird, der die unzähligen Uhren in unserem Körper neu justiert und aufeinander abstimmt.

Burdick machte sich auch einmal auf die Reise in die Arktis, um herauszufinden, „wie es sich dort anfühlt.“ (S. 106) Dort ist im Sommer monatelang so etwas wie ein einziger Tag; die Sonne geht nie unter, es wird höchstens ein etwas dunkleres oder helleres Grau. Was hingegen geschieht, wenn der Körper nur noch Nacht um sich herum hat, erfährt Burdick von den Schilderungen Michel Siffres, der insgesamt dreimal über eine längere Zeit in einer Höhle gelebt hat, um herauszufinden, wie er auf diese Umstellung reagiert. Auch er empfand die Zeit wie „ein einziger langer Tag.“ (S. 131) Doch als er wieder ins Freie kam, klagte er über ein „beschädigtes Gedächtnis“ (ebd.), da er nicht mehr wisse, was er vor dem letzten Mal schlafen gemacht habe.

Wir Menschen nehmen Zeit als Aneinanderreihung von Momenten und als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahr. Doch wie lange ist eigentlich die Gegenwart? Paul Fraisse etwa definierte 1957 die Gegenwart als Zeit von ungefähr fünf Sekunden, weil diese Zeit ausreiche, um einen kurzen Satz von 20 – 25 Silben auszusprechen (vgl. S. 239) Leider verpasst Burdick die Chance, diese Definition näher zu erläutern. Ich persönlich empfinde es als eine ausgezeichnete Definition, denn diese Zeitspanne reicht auch aus, um einen kurzen Satz zu verstehen oder einen einfachen Gedanken zu Ende zu denken.

Wie lange erscheint uns eine bestimmte Zeitdauer? Fünf Minuten im Kino sind enorm schnell vorbei – dieselben fünf Minuten beim Zahnarzt ziehen sich in die Länge wie ein Kaugummi. Interessante Experimente haben weitere Kriterien ausfindig gemacht, welche dazu führen, dass eine bestimmte Zeitdauer als länger oder kürzer wahrgenommen wird: „Stellen Sie sich einen Punkt vor, der kurz auf dem Computerbildschirm erscheint. Sie werden gebeten zu beurteilen, wie lang die Dauer von 'kurz' war: Je heller der Punkt, desto länger wird sie Ihnen erscheinen. Auch die Dauer eines größeren Punktes wirkt länger als die Dauer eines kleineren, die eines bewegenden länger als die eines stationären, die eines sich schnell bewegenden Punkts länger als die eines sich langsam bewegenden, die eines schnell flackernden länger als die eines langsam flackernden.“ (S. 272) Oder noch etwas alltäglicher formuliert: „Susan und ich hatten eine Spielzeugwechselpolitik eingeführt, erhielten aber bald eine Grundlektion in Zeitwahrnehmung: Für den Zwilling, der Das Ding gerade nicht hat, dauert die Zeit, in der der andere es hat, immer länger. Dauer liegt im Auge des Betrachters, nicht in dem des Besitzers.“ (S. 324)

Jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden Zeit. Und doch: „Zeit ist das Einzige, an dem es gefühlsmäßig jedem Menschen mangelt.“ (S. 402) Ich nicke. Und bin dankbar, dass Gott uns die Ewigkeit schenken möchte.

Alan Burdick hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich spannend, wenn auch nicht ganz so leicht liest. Häufig gibt es Umbrüche zwischen verschiedenen Fragen, die alles andere als glatt oder rund sind. Es ist ein Buch, das trotz unkomplizierter Sprache viel Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist sehr lesenswert, weshalb ich es auch sehr empfehlen möchte. Wer sich für unsere menschliche Wahrnehmung der Zeit interessiert, wird hier viele Antworten bekommen. Und doch frage ich mich am Ende: Hat Burdick die große Frage des Buches, warum die Zeit verfliegt, eigentlich beantwortet? Er hat sich der Frage von vielen Seiten genähert, doch eine letztgültige Antwort bleibt er dem Leser schuldig. Hat der Autor eine? Gibt es überhaupt eine solche? Oder könnte es sein, dass der Buchtitel gar nicht so viel mit dem Inhalt zu tun hat, sondern eher versuchen soll, noch mehr Leser zu rekrutieren? Ich weiß es nicht, aber ich bin dankbar, dass ich es gelesen habe. Es hat mir viel zu denken gegeben.

Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.


Montag, 6. November 2017

Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum

Das Reformationsjubiläum war ein totaler Flop. Millionen wurden für nichts und wieder nichts in den Sand gesetzt. Ich habe mich dabei gefragt, ob das einfach nur blinde Naivität war, oder ob es zu einer Strategie gehört, dass man eine „Lutherdekade“ ausrief, um so viel von Martin Luther zu plappern, bis keiner mehr den Namen hören kann. So könnte man natürlich problemlos die Reformation in der Senke verschwinden lassen: Wenn keiner mehr davon hören will, kann man ja dann einfach davon schweigen, und auf Nachfrage immer darauf verweisen, dass ja eh schon alles gesagt worden sei in dieser Dekade, und dass es erst mal reiche. So könnten sich die Kirchen wieder ihren politischen Agenden zuwenden, das Evangelium erneut vergessen und wieder den Jakobus- gegen den Römerbrief ausspielen, Petrus gegen Paulus, und Jesus gegen den ganzen Rest der Bibel. Das wäre eine bequeme Lösung; so käme man Rom und der säkularen Welt immer näher.

Ich bin dafür, dass wir weiter von Martin Luther und der Reformation reden. Ich bin dafür, dass wir die zahlreichen, auch durch die Lutherdekade geschürten Vorurteile abbauen und für eine immer zu reformierende Kirche kämpfen. Sie ist immer gemäß der Bibel zu reformieren. Deshalb: Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum. Ich kann nicht schweigen von den großen Dingen, die Gott durch die Reformation und viele darauffolgende Erweckungen getan hat. Kirchengeschichte ist Erweckungsgeschichte, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich bete weiter für Erweckung und Reformation – zunächst brauchen wir Reformation, eine Rückkehr zur Bibel und zum einfachen, kindlichen Vertrauen in Gottes Wort. Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum: Wir dürfen jeden Tag Gott danken für alle Gestalten der Kirchengeschichte, die – allesamt weit entfernt von perfekt – von Gott mächtig gebraucht wurden, damit Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus gefunden haben. Und wir dürfen den Stab aufnehmen und selbst darum ringen, diese Arbeit fortzuführen. Immer gemäß dem ganzen, unbeschädigten und unfehlbaren Wort Gottes, der Bibel.


Samstag, 28. Oktober 2017

Buchtipp: Supermacht Wissenschaft

Jaeger, Lars, Supermacht Wissenschaft – Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle, Gütersloher Verlagshaus, 1. Aufl. 2017, 413 S. Verlagslink / Amazon-Link

Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar.

Dr. Lars Jaeger ist ein Autor, der sich viele Fachgebiete zu eigen gemacht hat. Nach dem Studium der Physik, Mathematik und Philosophie arbeitete er zunächst am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden, später kam er nach Zürich, wo er auf dem Gebiet der Finanzbranche forschte, und vor einigen Jahren gründete er ein Unternehmen für Investment- und Finanzdienstleistungen. Darüber hinaus setzt er sich für mehr Transparenz in vielen Bereichen ein, und ist auf der Suche nach Möglichkeiten der spirituellen Dimensionen, welche das Leben und insbesondere die Wissenschaft bieten.

Ich war sehr gespannt auf das Buch, da es doch einige Bereiche meiner Interessen abdeckt – und im großen Ganzen hat das Buch noch mehr gehalten als ich erwartet hatte. Doch zunächst mal eins nach dem anderen. Das Buch gliedert sich in drei Teile, und diese Aufteilung ist sehr gut gelungen. Im ersten Teil hat man so eine Art Rundgang durch die neuesten Forschungsergebnisse verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen. Jaeger beschreibt das wie eine Art „Safari“ (S. 16). Es ist so, als ob man neue Tierarten anschaut und sich darüber freut. Im zweiten Teil geht es darum, was diese Tierarten mit uns machen – dass wir im Prinzip schon kurz vor dem Gefressenwerden sind. Und der dritte Teil ist eine Strategie, wie man dem entkommen bzw. diese Tiere zähmen kann.

Mit einem Rundumschlag von Quantentechnologie über Nanotechnologie, Gentechnik und Künstliche Intelligenz bis hin zu neuen Bewusstseinstechnologien steigt Jaeger gleich tief in die wichtigen Themen unserer Zeit ein. Manches war mir schon bekannt, in anderen Fällen wusste ich noch nichts über die allerneusten Entwicklungen der Forschung. So konnte ich auch einiges Neues lernen. Einige Zeit hatte ich ja die Entwicklungen um CRISPR verfolgt, doch die neusten Entwicklungen darin waren mir noch nicht bekannt. Schließlich kann sich nicht jeder um jedes Thema kümmern. Überhaupt ist das ein sehr wertvoller Aspekt des Buches von Jaeger: Er versucht, diese Inhalte der neueren Forschung leicht verständlich rüberzubringen, damit sich jeder informieren und mitreden kann: „Nur wer informiert ist, kann sich eine differenzierte Meinung bilden und zu einer sinnvollen Gesetzgebung beitragen, die einerseits die Wohltaten der Wissenschaft der Allgemeinheit zugänglich macht und andererseits die Gesellschaft vor unerwünschten Auswüchsen des Forscherdrangs schützt.“ (S. 55f.)

Das erste Kapitel schließt mit dem Gedanken, der aus Goethes Ballade vom Zauberlehrling stammt: Dieser ließ mit einer Zauberspruch einen Besen Wasser holen, um baden zu können, doch plötzlich ist das Haus unter Wasser gesetzt und unser Zauberlehrling hat den Spruch vergessen, um dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen. Nur sein Meister kann ihn noch retten, indem er den „Knecht“ wieder in einen reglosen Besen verwandelt. Die Frage, die sich mir hier nun stellt, geht noch etwas weiter: In Goethes Ballade muss der Besen komplett gestoppt werden. Der Zaubermeister gibt dem Besen keine Gesetzgebung und lässt ihn eingeschränkt weiter Wasser holen, unter der Bedingung, dass... Ich werde diese Frage später, wenn es um den dritten Teil geht, noch ausführlicher besprechen. Auf jeden Fall ist mir diese Stelle gleich ins Auge gesprungen, als ich das Buch zum ersten Mal las. Auf Seite 56 schreibt Jaeger, dass es bislang der Mensch gewesen sei, der die Natur den Veränderungen unterzogen habe, und sich dies nun am Umkehren sei. Auch hier setze ich ein Fragezeichen. Ist es nicht so, dass jede neue Entdeckung, jede Entwicklung an sich schon den Menschen tiefgreifend verändert hat?

Im Verlauf des zweiten Kapitels wird aus den zahlreichen Technologien, die dabei sind, unser Leben zu revolutionieren, ein unberechenbares Monstrum. Zunächst interessante Technologien wie etwa eine Gehirn-Computer-Schnittstelle, über die man mit Gedanken einfache Befehle weitergeben kann, entpuppen sich als Risiko für das Menschsein an sich – denn wer Zugang zum Gehirn eines Menschen bekommt, kann diesen beliebig nach eigenem Willen manipulieren. Jaeger fragt: „Werden Taxifahrer bald den Stadtplan von London auf einem Neurochip in ihrem Gehirn abgespeichert haben oder Soldaten auf dem Schlachtfeld mit EEG-Kapen herumlaufen?“ (S. 137)

Eine weitere wichtige Frage stellt sich zum Menschenbild: „Unser Welt- und Menschenbild wird sich auch mit den zukünftigen Möglichkeiten der Manipulation unseres Geistes stärker verändern, als alle bekannten philosophischen Lehren, psychologischen Theorien oder spirituellen Praktiken es bisher getan haben.“ (S. 139) Die Frage ist: Wer ist der Mensch überhaupt, wenn man mit technologischen Möglichkeiten seine Entscheidungen manipulieren und jedes beliebige Gefühl per Knopfdruck herstellen kann? Wird der Mensch dann noch ein mit freiem Willen und Verantwortung ausgestattetes Wesen sein?

Im zweiten Teil werden weitere Nachteile dieser Technologien besprochen. Der Mensch wird mittels Algorithmen und Datensammlungen beständig vermessen und einsortiert. Big Data ist ein großes Thema unserer Zeit. Wer hat alles Zugriff auf unsere Daten? Ebenso wichtig: Was kann der Besitz unserer Daten mit uns machen? Verschiedene Versuche im Internet haben den Einfluss dieser Daten auf unser Leben aufgezeigt und doch sind wir bereit, die riesenhaften Datenkraken zu unserem Vergnügen beständig weiter zu füttern. Nach verschiedenen weiteren Fragestellungen beschäftigt sich Jaeger im dritten Teil mit der Frage: Wie weiter. Bevor ich diesen dritten Teil unter die Lupe nehmen und kritisieren werde, muss ich dem Autor für die zwei ersten Teile ein großes Lob aussprechen. Es gelingt ihm außerordentlich gut, dem Leser die Entwicklungen deutlich und in einer leicht verständlichen Sprache vor Augen zu malen. Dafür bin ich sehr dankbar. Es ist somit ein wirklich wertvolles Buch, das sich zu lesen lohnt, selbst wenn man – wie ich – am Ende zu anderen Schlussfolgerungen kommt.

Drei Kritikpunkte möchte ich an das Buch anlegen, und diese betreffen hauptsächlich den dritten Teil, und den bereits angesprochenen Schluss des ersten Kapitels.

1. You can't have your cake and eat it.
In der Schweiz gibt es den Spruch „Chasch ned de Batze und 's Weggli ha“ (Du kannst nicht das Geld und das Brötchen haben). So ähnlich versucht Jaeger jedoch mit der neuen Technologie umzugehen. Er möchte den Segen derselben genießen können, aber im selben Moment auf deren Nachteile verzichten können. Deshalb wird die Ballade von Goethe am Ende des ersten Kapitels auch nur teilweise zusammengefasst. Das Wichtigste geht dabei unter: Der „Knecht“ wird wieder zum Besen. Die Frage, die ich an dieser Stelle jedem Leser stellen möchte, ist die: Wie weit ist es überhaupt möglich, in der Technologie das Rad zurückzudrehen und den Besen wieder in die Ecke zu stellen? Ich werde meine Antwort am Ende des dritten Kritikpunktes in Kurzform präsentieren.

2. Wissenschaft baut auf dem jüdisch-christlichen Weltbild auf.
Jaeger schreibt auf S. 329: „Der Einfluss von Religionen und traditioneller spiritueller Denktraditionen auf unseren modernen Lebensbedingungen ist dagegen eher beschränkt. Weit weniger als Wissenschaftler und Unternehmer waren an der Erschaffung unseres heutigen materiellen Komforts Theologen und Philosophen beteiligt.“ Diese Aussage ist nicht ganz leicht verständlich, aber sie ist die Grundlage, um in einem späteren Abschnitt die Kirchen als nicht hilfreich in diesen Fragen zu beurteilen. Leider ist da etwas dran. Allerdings sollte Herr Jaeger nicht vergessen, dass alle Wissenschaft, sofern sie von einer beobachtbaren und adäquat beschreibbaren, erforschbaren und kultivierbaren (beeinfluss- und veränderbaren) Realität ausgeht, auf der Grundlage des jüdisch-christlichen Weltbildes aufbaut. Darüber gäbe es natürlich eine Menge mehr zu sagen, was allerdings den Rahmen einer Rezension sprengen würde.

3. Ein quasi-messianisches Staatsverständnis hilft nicht weiter.
Abschließen möchte ich mit meiner größten Kritik am Buch: Herr Jaeger sieht die Erlösung durch in seinem Staatsverständnis: „Es gibt noch eine weitere bedeutende gesellschaftliche Kraft, die dafür sorgen könnte, dass der technologische Fortschritt uns dient, und nicht wir ihm: der Staat.“ (S. 351) Doch was würde in einem Staat geschehen, der über Algorithmen verfügt, die alles zentralistisch regieren? Was wäre da überhaupt mit Menschen, die nicht in diese „schöne neue Welt“ hinein wollen? Ich habe jetzt schon Menschen getroffen, die mit der Komplexität unseres jetzigen Lebens in der westlichen Welt nicht klarkommen und deshalb lieber freiwillig auf der Straße leben. Werden in einer solchen technologisierten Zeit Abweichler zum Abschuss freigegeben, bzw. - weitaus brutaler – dem langsamen Hungertod preisgegeben? Die letzten Wahlen in den USA zeigen, wohin eine Demokratie steuern kann. Und das sage ich als überzeugter Vertreter der Demokratie. Allerdings braucht ein jeder Staat klare Grenzen, die er nicht überschreiten darf. Je aufgeblähter ein Staat wird, je mehr Aufgaben er bekommt, desto weniger kann der einzelne Bürger in diesem Staat verantwortlich handeln – und desto mehr wächst die Gefahr des staatlichen Machtmissbrauchs. Viele Despoten des 20. Jahrhunderts wurden demokratisch gewählt (davor kann kein System bewahren), und je aufgeblähter ein solcher Staat ist, desto mehr Möglichkeiten des Missbrauchs hatte dieser.

Meine Antwort wäre: Kleiner statt größer denken. Wir brauchen keinen „Big Talk“ wie im Buch beschrieben, sondern viele, unzählig viele „Mini Talks“ von Einzelnen, die sich über ihre Zukunft Gedanken machen. Wenn wir die Geister, die wir riefen, wieder in die Ecke stellen wollen, brauchen wir eine Rückkehr zur Familie, zum Freundeskreis, zum Denken im Kleinen, zum verantwortlichen Handeln des Einzelnen, denn nur so wird es auch in einem Katastrophenfall möglich sein, weiter zu existieren. Statt auf digitale Währungen umzusteigen wäre es wichtiger, Menschen zu haben, denen man vertraut, und die einander im Notfall beistehen.

Und genau hier sehe ich das zukünftige Potenzial der Kirchen und Gemeinden. Sie haben den göttlichen Auftrag, Rettungsboote und Heimatorte für verlorene Menschen in dieser Welt zu sein. Sie sind Orte, wo der Einzelne sich selbst kennenlernen kann und in die Gemeinschaft mit Gott kommt, der letztendlich bestimmt, wer und was der Mensch ist und was seine Persönlichkeit ausmacht – auch im Wandel der Technologie und des säkularen Menschenbildes.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.

Montag, 16. Oktober 2017

Bibelkritik: Was ist eigentlich historisch-kritisch und was nicht?

Nachdem ich vor ein paar Tagen Gründe gesucht habe, warum Menschen zu Bibelkritikern werden, möchte ich heute fragen, was eigentlich die historisch-kritische Bibelauslegung ausmacht, ob man sie definieren und von anderen Methoden abgrenzen kann, die nicht zur historisch-kritischen Methode gehören. In meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Biblischen Theologie habe ich einzelne Abstecher in die Geschichte der historisch-kritischen Methode gemacht, da diese beiden Bereiche in manchen Fällen sehr nahe beisammen liegen. Im oben verlinkten PDF kann deshalb dazu noch mehr gelesen werden. Im Weiteren zitiere ich zum Teil aus diesem Dokument und kommentiere diese Zitate.

Die Geburt der historisch-kritischen Methode
Die historisch-kritische Methode ist innerhalb der Kirchengeschichte sehr jung, während die Auslegung der Bibel schon so alt ist wie die Bibel selbst. Innerhalb der Bibel finden sich viele Auslegungspredigten und Hinweise auf solche, die gehalten wurden. Die Geburt der historisch-kritischen Methode ereignete sich vor noch nicht einmal 250 Jahren, nämlich 1771, als der Halle'sche Pietist Johann Salomo Semler seine Schrift „Abhandlung von freier Untersuchung des Canons“ veröffentlichte.
Dazu muss ich zwei Bemerkungen anfügen. Erstens macht sich jeder, der seither die historisch-kritischen Methoden als alternativlos bezeichnet, des Vorwurfs schuldig, das Christentum hätte über 1700 Jahre lang die Bibel nicht richtig verstehen können und habe deshalb einen minderwertigeren Glauben gehabt.
Zweitens müssen wir deshalb klar festhalten, dass alle Methoden der Bibelauslegung, die bereits vor 1771 vorhanden waren, keinesfalls als Teile der historisch-kritischen Methode bezeichnet werden dürfen. Selbstverständlich darf sich jeder auch dieser früheren Vorgehensweisen bedienen, allerdings ist es unzulässig, sie als Methoden der HKM zu vereinnahmen. Leider wird dies allzu gerne getan, damit man zu besseren Argumenten für die HKM kommt, indem man zuerst legitime, auch bei Bibeltreuen beliebte Methoden vorstellt, sie dann zum Arsenal der HKM zählt, und im Anschluss argumentiert, wer jene Methoden gut finde, müsse für den Rest auch offen sein. Diese Vorgehensweise ist enorm unehrlich, besonders auch deshalb, weil jeder, der sich noch nicht so ausführlich mit der Theologiegeschichte auseinandergesetzt hat, solcher Propaganda leicht auf den Leim geht.


Bibelauslegung vor 1771
Vor 1771 wurde die Bibel schon viele Jahrhunderte lang ausgelegt. In der Zeit der Urgemeinde und der Kirchenväter bis weit ins späte Mittelalter war die Rede vom vierfachen Schriftsinn:
1. Wörtlich-geschichtliches Verständnis („Was hat das für den ersten Leser bedeutet?“)
2. Allegorisch-typologisches Verständnis („Auf was kann man es sonst noch übertragen?“)
3. Moralisch-ethisches Verständnis („Wie kann ich das leben?“)
4. Anagogisch-eschatologisches Verständnis („Was sagt das über die Ewigkeit aus?“)

Diese Auslegungspraktiken haben zum Teil durchaus ganz interessante Blüten getrieben. In der Zeit der Reformation kam man zum Schluss, dass vor allem der erste Punkt und darunter untergeordnet auch der dritte wichtig ist. Man hat die Bibel wörtlich verstanden, sah ihre Inhalte als geschichtlich so wahr und tatsächlich geschehen an, und begnügte sich mit einem einfachen, kindlichen Vertrauen in Gott und Sein Wort.

1516 erschien das griechische Neue Testament erstmals gedruckt, und zwar von Erasmus von Rotterdam in Basel ediert. Er hat das mit den damals vorhandenen Manuskripten textkritisch bearbeitet. Insofern ist es falsch, die Textkritik, also den Vergleich mehrerer Handschriften für die möglichst genaue Erarbeitung des Textes, als Teil der historisch-kritischen Methode zu bezeichnen. Leider waren Erasmus erst wenige Handschriften zugänglich, da noch nicht so viele gefunden worden waren.

Die Auslegung der Reformation und der Zeit danach kann man als grammatisch-historische Auslegung bezeichnen. Es wurde auf die genauen Worte im Urtext, die Formen der Grammatik, die Geschichte und Bräuche der damaligen Zeit, soweit bekannt, geachtet. Auch die verschiedenen Gattungen wurden genau beachtet, ob es sich um einen Brief, einen Psalm, ein Geschichtswerk, eine Prophetie, etc. handelte, wurde ernst genommen. All diese Vorgehensweisen können somit nicht original zu den historisch-kritischen Methoden gezählt werden. Wer etwa die Kommentare und Predigten von Johannes Calvin liest, wird eine meisterhafte Darbietung dieser Methoden vorfinden, auch wenn man natürlich nicht in allen Fragen mit ihm einverstanden sein muss.


Ernst Troeltsch und die Definition der HKM
Ernst Troeltsch untersuchte die bisherige historisch-kritische Methode und suchte nach einer Definition und Methodik, die der Theologie helfen sollte, auf diese Art und Weise zu arbeiten. Er stellte auf diese Weise ein dreifaches Werkzeug her, das er in seinem Buch Über historische und dogmatische Methode in der Theologie ausführte:

a. Kritik:
Alles muss zunächst einmal angezweifelt werden. Nichts darf per se als wahr betrachtet werden, wenn seine Wahrheit nicht zuerst nachgewiesen werden konnte. Die menschliche Vernunft (und damit der Subjektivismus) wird über jede Aussage der Bibel gestellt und muss sie in allem radikal hinterfragen.

b. Analogie:
Diese Kritik geschieht zunächst durch das Prinzip der Analogie. Das bedeutet: Man sucht nach ähnlichen Berichten und bewertet anhand derer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben könne. Hierdurch wird die Tatsache von Wundern komplett in den Bereich der Mythen verschoben. Auch Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung Jesu streitet man mit dieser Vorgehensweise ab.

c. Korrelation:
Die zweite Methode der Kritik ist die Korrelation. Es darf keine Zufälle geben, deshalb beruht alles auf Wechselwirkungen und die müssen gefunden werden. Es wird also gefragt, woher es komme, dass die biblischen Autoren genau jenes geschrieben haben, also: woher könnten sie ihre religiösen Vorstellungen haben? Von wem sind die „geklaut“? Auf welche Ursache sind die biblischen Texte zurückzuführen? Diese historisch-kritischen Werkzeuge haben seit Troeltsch den Verlauf der evangelischen Theologiegeschichte zutiefst geprägt.


Schlussbemerkungen
Es ist eine traurige Tatsache, dass die Bibelkritik in der englischen Sprache als „German higher criticism“, also „deutsche höhere Kritik“ in bewusster Abgrenzung zur Textkritik bezeichnet wird. Wir haben feststellen können, dass es schon lange vor den Erfindungen der historisch-kritischen Methoden sehr viele zuverlässige und wertvolle Hilfsmittel und Methoden gab, mit welchen die Bibel schriftgetreu und damit jesusgetreu ausgelegt werden konnte. In einem späteren Beitrag werde ich mich mit verschiedenen der historisch-kritischen Methoden auseinandersetzen. Jeder, der die bibelkritischen Methoden gut findet, darf mir gerne eine Liste von positiven Erkenntnissen zusenden, die nur dank der (echten) historisch-kritischen Methoden gewonnen werden konnten. Dabei zählen alle oben genannten (und weiteren) Methoden nicht, die schon vor J. S. Semler bekannt waren. Ich bin gespannt, ob sich irgendwer traut, diese Herausforderung anzunehmen. Bitte keine Buchvorschläge, sondern nur in eigene Worte gefasste Erkenntnisse.


Montag, 9. Oktober 2017

„Wia soll i schwätza, damit du mi verstanda doasch?“

Vor zwei bzw. 2,5 Jahren wurden mir meine beiden Cochlea-Implantate eingesetzt; davor war ich rund 17 Jahre Hörgeräte-Träger verschiedener Modelle. Immer wieder werde ich gefragt, wie man mit mir reden solle, damit ich möglichst viel verstehen könne. Heute möchte ich ein wenig darüber schreiben, wie es ist, wenn man schlecht hört und viel mitkriegen will.

Schwerhörigkeit ist ein Phänomen, das zunehmend mehr Menschen betrifft, und das hat nicht so viel mit Bevölkerungswachstum zu tun, sondern viel mit Stress, Lärm an immer mehr Arbeitsplätzen, an unvorbildlichem Umgang mit lauter Musik in der Freizeit und manchen anderen Dingen in unserer Zeit. Es hat aber auch damit zu tun, dass es immer bessere Hilfsmittel gibt, die uns helfen. Lange Zeit bedeutete eine Schwerhörigkeit, dass man in der Gesellschaft nichts mehr mitbekam, dass man sich zurückzog, dass man vielleicht auch als wunderlich betrachtet wurde. All das ist eigentlich vorbei.

Wenn ich gefragt werde, wie man reden soll, damit ich viel verstehen könne, dann ist meine Antwort üblicherweise: Einfach normal. So wie immer. Und diese Antwort möchte ich jetzt ausführen. Viele Menschen sind mit der Vorstellung aufgewachsen: Wer schlecht hört, dem muss man alles ganz laut, deutlich und langsam sagen. Meine Antwort: BITTE NICHT SO!!!

Warum nicht? Der erste Grund dafür lautet: Ich möchte deine normale Stimme hören und kennenlernen können. Du wirst mit allergrößter Gewissheit kurze Zeit später in deine „normale Stimme“ zurückfallen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und deine normale Stimme ist richtig gut. Sie gefällt mir, sie zeigt mir einen Teil von dir, sie gehört zu dir. Das möchte ich kennenlernen und nicht jede halbe Minute wieder erinnern müssen: Bitte wieder anders. Du wirst auch nicht jedes Mal wieder die gleiche „andere Stimme“ brauchen, da gibt es immer wieder Änderungen, die mit deiner Gefühlslage und anderem mehr zusammenhängen. Deine normale Stimme ist etwas, woran ich mich gewöhnen kann.

Der zweite Grund lautet: Ich möchte selbst bestimmen können, wie laut ich dich höre. Es mag für Leute, die sich weigern, Hörmittel zu nutzen, eine Hilfe sein, wenn du laut mit ihnen sprichst. Alle, die Hörgeräte oder einen Sprachprozessor am Ohr tragen, haben die Möglichkeit, die Lautstärke selbst einzustellen. Und das ist unsere Verantwortung, es auch zu tun. Jedes Hörgerät hat entweder eine Fernbedienung oder bei älteren Modellen (ich hatte auch schon so eins) ein Rädchen obendrauf, womit man ziemlich gut einstellen kann, wie laut es sein soll. Eine Ausnahme ist das Gespräch im starken Störlärm, das heißt mit Hintergrundgeräuschen. Aber auch da bitte nur dann die Stimme ändern, wenn ich dich darum bitte.

Was kannst du somit tun? Rede einfach normal, wie du es gewohnt bist, mit allen übrigen Menschen zu reden. Ich bin kein Sonderfall. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Habe Geduld mit mir. Anstatt mir jedes Wort S O G A N Z L A U T U N D D E U T L I C H U N D L A N G S A M zu sagen, gehe bitte davon aus, dass ich rund 90% von dem, was du im Gespräch sagst, entweder direkt verstehen oder mir aus dem Zusammenhang heraus zusammenreimen kann. Nutze die damit gesparte Zeit lieber, um mir die restlichen 10%, die ich gar nicht verstehe, nochmal zu wiederholen, oder zur Not auch noch ein zweites Mal. Ich gebe mir im Gegenzug viel Mühe, dir das möglichst einfach zu machen, indem ich entweder das Gehörte zusammenfasse oder konkret Fragen zum nicht Verstandenen stelle.

Gehe aber bitte auch nicht davon aus, dass „der Andere“ jetzt einfach wieder hört, weil er Hörgeräte trägt oder einen Sprachprozessor und ein Implantat hat. Das kann das normale Hören nicht einfach ersetzen. Zuhören und Verstehen ist anstrengend. Immer. Und doch liebe ich es, also bitte nimm einfach auch Rücksicht, wenn ich sage, dass ich eine Pause brauche oder lieber an einen ruhigeren Ort gehen möchte, und hilf mir, den Einstieg ins Gespräch nach einer Pause wieder zu finden, indem du mir kurz zusammenfasst, was zuletzt noch gesagt wurde. Das hilft mir ungemein. Danke!

Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.


1. Der Wunsch, die Bibel besser zu verstehen
Ich glaube, dass der häufigste Grund derjenige ist, dass Menschen die Bibel noch besser verstehen möchten. Sie meinen, dass die Methoden der Naturwissenschaft auch bei der Bibel zu besserem Verständnis führen können. Wenn man den Lauf der Sterne besser erklären kann, indem man jede übernatürliche Beeinflussung ausschließt, dann könnte dasselbe ja auch für die menschliche Geschichte und das Verständnis der Bibel gelten. Der Wunsch führt leider oft so weit, dass man die Bibel besser verstehen will, als Jesus Christus sie verstanden hat. Jesus Christus hat das ganze Alte Testament als von Ihm persönlich durch Seinen Geist inspiriert und unfehlbar betrachtet. Wer mit Jesus gegen die Bibel argumentieren will, argumentiert mit Jesus gegen Jesus.


2. Der Wunsch, ein positives Gottesbild zu bekommen
Es gibt Menschen, die verzweifeln an ihrem Gottesbild, das sie angeblich aus der Bibel haben wollen, bei welchem sie aber manche biographischen Erlebnisse in bestimmte Begriffe der Bibel hineininterpretieren. Und nun meinen sie, dass die historisch-kritische Bibelauslegung ihnen helfen kann, mit ihren Gottesbildern klarzukommen. Zumeist sind diese sehr einseitig – und werden dann durch wiederum andere sehr einseitige, aber nun ins Gegenteil pervertierte Gottesbilder ersetzt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei nun mal dahingestellt.


3. Der Wunsch, die eigenen Zweifel zu rechtfertigen
Häufig studieren Menschen Theologie, die von ihrem Charakter her schon immer alles gut überdacht und hinterfragt haben. Nun wird ihnen im Studium eine Reihe von Methoden geliefert, die ihnen helfen, ihren Zweifel nicht mehr als etwas Negatives, sondern als eine notwendige Voraussetzung für das theologische Arbeiten zu sehen. Damit wird der Zweifel vergötzt und zu einem falschen Zweck instrumentalisiert. Leider wird in vielen Gemeinden und Jugendkreisen auch heute noch vor dem Zweifel gewarnt. Hier sehe ich eine zum Teil berechtigte Komponente der universitären Theologie, dass sie versucht, den Studenten die Angst vor dem Zweifel zu nehmen. Leider fällt sie damit jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie den Zweifel zur Methode macht (darüber wird in einem späteren Blogpost noch die Rede sein).


4. Der Wunsch, Menschen zu Jesus zu führen
Vielfach sind junge Menschen auch vom Wunsch beseelt, viele Menschen zu Jesus führen zu wollen, und das ist ein enorm wertvoller Wunsch. Doch dieser Wunsch kann auch dazu führen, dass Menschen versucht sind, die enge Pforte und den schmalen Weg breiter zu machen als Jesus sie gemacht hat. Das führt zu einer Umdeutung oder Vernachlässigung von echter Buße, Bekehrung und Wiedergeburt. Es wird zu einer billigen Gnade und einem verdrehten Evangelium, das psychologisch statt soteriologisch (die Erlösung betreffend) gedeutet wird. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.


5. Der Wunsch nach Anerkennung
Das Streben nach Anerkennung sitzt in jedem Menschen. Deshalb ist es auch so leicht, dem Druck der sogenannten „Wissenschaftlichkeit“ nachzugeben. Wer publizieren will, ist diesem Druck sehr schnell ausgesetzt. Wer lehren will, wird auch auf die Vorgaben der gerade herrschenden Vorstellung von Wissenschaftlichkeit geprüft. Da hier auf der universitären Ebene nun mal die historisch-kritische Methodik gehört, ergibt sich ein Teufelskreis von Lehrenden und Lernenden, der immer tiefer in den Strudel bibelkritischer Methodik hineinführt.


6. Der Wunsch, es sich nicht zu einfach zu machen
Das Leben ist kompliziert. Oder zumindest scheint es vielen Menschen kompliziert zu sein. (Mal Hand aufs Herz: Könnte es nicht sein, dass wir es uns oft selbst zu kompliziert machen?) Deshalb darf es im Leben auch keine einfachen Antworten geben. Alles muss mit einem „Ja, aber...“ versehen werden. Die historisch-kritische Methodik ist ein Arsenal an Möglichkeiten, wie man dabei vorgehen kann, um sich das Leben schwer zu machen. An die Stelle des einfachen, kindlichen Vertrauens in Gott und Sein Wort tritt ein neues, geradezu päpstlich-unfehlbares Lehramt der Bibelkritik, das für jedes Wehen des Zeitgeistes eine individuelle, diesen gleichsam aufnehmende, Antwort zu bieten hat. Das kostet viel Kraft, viel Zeit und viel Geld für Leerstellen – pardon: Lehrstellen – im universitären Bereich. Aber zumindest muss sich dann niemand den Vorwurf gefallen lassen, man würde es sich zu einfach machen.


7. Der Wunsch, selbständig denken zu wollen
Das wird man ja wohl noch denken dürfen!“ „Die Gedanken sind frei!“ „Wir sind zur Freiheit unseres Denkens berufen!“ Die Vergötzung des menschlichen Verstandes, der sich selbst das Gesetz sein will, autonom, unabhängig von jeder äußeren Vorgabe, nimmt viele Züge an. Die historisch-kritischen Methoden bieten viele Werkzeuge, die dem Menschen helfen, in der Bibel zu finden, was sie von ihr zu finden erwarten. Überraschung hält sich in Grenzen, ist doch der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er sich zum Maßstab für das macht, was er finden will. Natürlich gibt es hin und wieder kleinere Überraschungen, die dann frenetisch gefeiert werden, als würden sie eine neue Reformation bedeuten. Doch nicht selten stellt sich nach etwas Nachdenken heraus, dass es sich lediglich um eine leicht abgeänderte Form eines Gedankens handelt, der schon vor Jahrhunderten geäußert, damals aber vor der Kirche abgelehnt wurde. Entsprechend ergeben sich dann Forderungen, man müsse diese früheren Personen rehabilitieren.


8. Der Wunsch, alles besser zu machen als frühere Generationen
Es ist gut, wenn Menschen aus früheren Fehlern zu lernen versuchen. Doch ist nicht alles ein Fehler, was heute als Fehler gesehen wird. Häufig ist der Wunsch nach Rebellion gegen alles Frühere Vater des Gedankens. Doch die Bibel macht klar, dass Rebellion eine Zaubereisünde ist (1Sam. 15:23). Die Idee, man sei besser als frühere Generationen führt zu Stolz und dem Denken, man sei besser als das Frühere. Hier wäre deutlich mehr Demut und eine bessere Kenntnis des Früheren vonnöten. Eng damit verbunden ist auch das Denken, man lebe heute in einer nie zuvor dagewesenen Zeit, die nach neuen Ideen und einer neuen Theologie verlange, die für die Menschen unserer Zeit annehmbar sei. Was dabei unter den Teppich gekehrt wird, ist die Tatsache, dass die echte, biblische, einzig und ewig gültige Wahrheit noch nie für die Menschen irgend einer Zeit annehmbar war. Sie war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Anstoß. Das wird heute nicht anders sein. Den Modernen eine Torheit und den Postmodernen ein Anstoß. Davor müssen wir keine Angst haben, Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.


Mittwoch, 6. September 2017

Wählen – ja, aber wie?

Die Bundestagswahlen stehen vor der Türe. So manch einer überlegt sich noch, wo die Kreuze hin sollen. Ich stelle hier ein paar mögliche Strategien vor, wie man dabei vorgehen kann.

1. Traditionswahl
Wer sagen kann: Ich hab schon immer diese Partei gewählt, sie macht das gut, und ich möchte, dass es so weitergeht, hat allen Grund, dankbar zu sein. Eine gut begründete Traditionswahl ist eine sehr gute Sache.

2. Parteienwahl
Wer sich im Voraus schon gründlich mit den verschiedenen Wahl- und Regierungsprogrammen beschäftigt hat, kann hier punkten – vielleicht wurde die eine Partei gefunden, welche eine große Übereinstimmung mit den eigenen Positionen erzielte. Es ist allerdings eine ziemlich große Herausforderung für Otto-Normalbürger, sich die mehreren tausend Seiten an Programmen zu Gemüte zu führen. Damit sollte man ein halbes Jahr vor dem Wahltag angefangen haben. Selbst ich als Vielleser habe mir manche Programme nur überfliegend „angetan“.

3. Personenwahl
Besonders schön ist es, wenn man bestimmte auf den Listen aufgestellte Personen auch persönlich kennt und weiß, dass auf sie Verlass ist. Das sind besonders wertvolle Hilfen, weil man dann weiß, worauf man sich einlässt, wenn die besagte Person tatsächlich nach Berlin geschickt wird.

4. Themenwahl
Eine weitere Möglichkeit besteht auch darin, sich zu fragen: Welches Thema ist mir gerade besonders wichtig? Dann kann man jene Partei wählen, welche dieses eine Thema so vertritt, wie man es gerne hätte – im Wissen, dass man dabei gleichzeitig bei anderen Themen Abstriche wird machen müssen. Politik besteht immer aus Kompromissen, weil sie von Menschen gemacht wird, und Menschen bekanntlich subjektive Wesen sind.

5. Protestwahl
Sodann gibt es die Möglichkeit, die großen Parteien bewusst „abzustrafen“, indem man eine kleine Partei wählt, von der man sicher weiß, dass sie nicht genügend Stimmen bekommt, um die 5%-Hürde zu überwinden. Es wurden zu diesem Zweck schon „Spaßparteien“ gegründet, damit Protestwähler diese wählen können. Allerdings ist auch das mit einem gewissen Risiko verbunden, denn falls zu viele Wähler eine solche Protestpartei wählen, kann es zu unvorhersehbaren Veränderungen in der gesamten Parteienlandschaft kommen. Nicht immer jene, die man will.

6. Unterstützungswahl
Es gibt natürlich noch einen anderen guten Grund, um kleine Parteien zu wählen, nämlich den, dass man diese Partei bewusst unterstützen möchte. Selbst wenn die Parteien dann keine Sitze im Bundestag bekommen, werden sie durch jede weitere Stimme ermutigt, mit ihrer Arbeit fortzufahren.

7. Fragenwahl
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen „Wahl-O-Mat“ bereitgestellt, bei welchem der User eine Anzahl von Fragen beantworten kann, und sich dann ausrechnen lässt, mit welchen Parteien man in diesen Fragen zu wieviel Prozent übereinstimmt. Das ist eine wertvolle Sache, um sich in die Materie hineinzufinden. Allerdings ist das Ergebnis immer mit Vorsicht zu genießen, da es auf genau diese Fragen beschränkt ist. Ich bin dieses Jahr sowohl mit der Formulierung als auch der Auswahl der Fragen nicht so sehr zufrieden, aber es ist gut, wenn man sich das mal anschaut.
Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen hat außerdem eine Reihe von „Wahlprüfsteinen“ vorgelegt. Dies ist eine Reihe von Fragen, welche die VEF an die Parteien zukommen ließ, welche sich nach heutiger Umfragenlage vermutlich durchsetzen werden.

8. Strategische Wahl
Mit dem Begriff der strategischen Wahl meine ich, dass man sich zuerst einen „best case“ und einen Wurst-Käse oder besser gesagt „worst case“ überlegt, mit Hilfe der Ergebnisse von Umfragen und zusätzlichen Infos versucht, mit seiner Stimme am meisten zu erreichen.

Und dann kann man natürlich anfangen, diese Strategien bunt zu mischen, ganz nach Belieben. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, es sei denn, man meint damit den zum Wahllokal. Nicht zu wählen bedeutet immer, zu wählen, was man nicht will.


Dienstag, 5. September 2017

Bibeltreue Online-Mission?


Ein Facebook-Freund fragte mich kürzlich, ob ich Ideen für die christliche Bloggerszene hätte. Eine Idee habe ich unter bibeltreuen Bloggern schon mehrmals angesprochen, etwa hier (Frage 11). Die Idee wäre eine Art deutschsprachiges „Patheos“ oder „Gospel Coalition“, also eine Plattform, auf welcher einige gute Blogs gemeinsam gehostet werden.

Eine zweite Idee wäre eine bibeltreue Online-Mission in deutscher Sprache. Also eine Plattform, die in deutscher Sprache, die sich unter den Communities durchsetzen kann, und auf allen Kanälen missioniert. Allerdings habe ich hinzugefügt, dass ein solches Projekt, damit es wirklich etwas bewegen kann, in der bibeltreuen Szene enorm unrealistisch ist. Nur mal ein paar Zahlen. Man müsste eine multimediale Plattform bauen, die genügend Traffic erlaubt, ohne merklich langsamer zu werden. Allein die Erstellung einer solchen Plattform bedeutet einen Aufwand von etwa 40-50k€. Ein solches Projekt würde vermutlich voraussetzen, dass vor Beginn mindestens 200'000€ Startkapital vorhanden wäre, sowie 5 – 6 Vollzeit-Angestellte, die sich langfristig um die praktische Umsetzung, Kampagnen und Inhalte kümmern: Podcasts, 2x pro Woche ein gut gemachtes YouTube- und Vimeo-Video, Blogbeiträge, eine moderierte Community und vieles mehr. Laufende Kosten schätze ich auf mindestens 50'000€ im Monat, vermutlich käme noch die Miete für Räumlichkeiten hinzu, die ich in meiner Überschlagsrechnung mal ausgeklammert habe. Der Leser möge sich selbst Gedanken machen, ob so etwas realisierbar ist.

Es gibt natürlich das Argument, dass so etwas auch klein angefangen und dann weiter ausgebaut werden könne. Hier muss man jedoch sehen, dass in einem solchen Fall insgesamt deutlich höhere Kosten anfallen würden, weil jede neue „Ausbaustufe“ wieder eine komplette Überarbeitung, Implementierung und Integration des Bestehenden bedeuten würde. Man zahlt also mehrfach drauf. Außerdem gibt es schon einige Versuche dieser Art; und die Realität zeigt, dass solche Seiten nicht über eine gewisse Größe wachsen können, weil zu wenig investiert wird. Meines Erachtens ist dies ebenso wenig realisierbar wie mein lange gehegter Traum einer bibeltreuen Universität in Deutschland, in welcher alle Fachrichtungen von der bibeltreuen Weltanschauung her behandelt werden: Theologie, Philosophie, Pädagogik, Medizin, Rechtswissenschaft und natürlich auch die Naturwissenschaften. Unrealistisch ja, aber träumen darf man ja wohl noch ;-)


Mittwoch, 23. August 2017

Buchtipp: Die Gabe der Könige

Hobb, Robin, Die Gabe der Könige, Penhaligon Verlag, RandomHouse, München, August 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Penhaligon-Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches. 

Fitz Chivalric Weitseher ist ein uneheliches Kind von Prinz Chivalric, dem geplanten Thronfolger der Sechs Provinzen. Er erzählt in diesem Buch aus seiner Sicht, was sich in seinem Leben bisher zugetragen hatte. Die ersten Jahre wächst er ohne Erinnerung an seine Mutter oder weitere Familie auf; das erste Ereignis, an das er sich erinnern kann, ist die Ankunft in der Stadtfestung. Was er noch nicht weiß, ist, dass tief in ihm die Gabe der Weitseher-Könige schlummert – eine Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer Menschen und Tiere „einzuhacken“, um diese zu lesen oder gar zu manipulieren. Damit diese Gabe zu ihrer Entfaltung kommt, muss sie hart trainiert werden; doch sie ist auch enorm gefährlich, da sie leicht missbraucht werden kann.

In Friedenszeiten wird eine solche Wunderwaffe nicht gebraucht, doch eines Tages wird klar, dass nicht allzu weit ein Feind lauert: Die Roten Korsaren. Sie waren mit Schiffen unterwegs, überfielen immer mal wieder Dörfer auf dem Festland der Sechs Provinzen, und kidnappten die Bevölkerung. Sie wollten Lösegeld, wenn die Geraubten getötet werden sollten. Ansonsten wurden sie zurückgebracht – als Entfremdete. In diesem Zustand waren die Rückkehrer emotions- und willenlos, agierten wie Roboter, überfielen Reisende, um sich ernähren zu können, und waren ansonsten so gleichgültig allem gegenüber, dass sie nur herumsaßen, bis sie wieder Hunger hatten. Ihre Notdurft verrichteten sie gerade da, wo sie sich zufällig befanden. Angesichts dieser Gefahr sollten die jungen Menschen mit dieser Superwaffe in kürzester Zeit ausgebildet werden, damit sie helfen konnten, die Sechs Provinzen zu beschützen. Doch ob dies gelingt? Das Leben auf dem Hof nimmt inzwischen den normalen Lauf, eine Hochzeit bahnt sich an, Intrigen verdichten sich ob der Gefahr von außen.

Die Lektüre dieses Fantasy-Romans hat mir gut gefallen, insbesondere auch deshalb, weil er viele aktuelle Fragen mit einem neuen Hintergrund erneut aufwirft: Wie gehen wir mit Superwaffen um? Was macht den Menschen aus? Fitz muss viele ethische Fragen klären und sich entscheiden, was er in welchem Fall tun will. Als Leser müssen wir uns diese Fragen auch stellen, und es tut uns gut, diese von einem Fantasy-Roman gestellt zu bekommen. Es ist keine leichte Lektüre, wenngleich mit der Zeit immer fesselnder, als sich die Ereignisse überstürzen und kurzfristige, ungeplante Reaktionen erfordern. Den Einstieg fand ich hingegen eher etwas zäh. Auch muss man sich natürlich fragen, ob die Autorin mit der Handlung im Roman die richtigen Antworten auf die brennenden Fragen zu geben vermag, was ich nicht immer so empfand. Doch alles in allem ist es ein spannender und lesenswerter Roman.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.


Mittwoch, 16. August 2017

Buchtipp: Was nun, Kirche?

Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler, Holzgerlingen, 2017, Verlagslink, Amazon-Link


Vielen Dank an den Hänssler-Verlag für das Rezensionsexemplar.

"Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist. Darüber zu sprechen, scheint in den Kirchen ein Tabu zu sein." (S. 41)

Der Evangelist und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany stellt fest, dass zwischen dem Personal der Kirchen und den Gottesdienstbesuchern eine immer größer werdende Kluft besteht. Die Entfremdung nimmt zu, die Gottesdienste werden leerer und weniger besucht. In seinem neuen Buch macht er sich auf die Suche nach den Hintergründen dieser Entfremdung und deckt auf, wie wenig tatsächlich über die eigentlichen Inhalte der Theologie gesprochen wird.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: Wer und was ist die christliche Kirche? Was sind deren Kennzeichen? Was ist ihre (und Gottes) Mission? Parzany kommt zum Schluss, dass weltweit die Feindschaft gegenüber der christlichen Kirche gewachsen ist, und sie gerade dort erweckliche Aufbrüche erlebt, wo der Glaube an Jesus Christus verfolgt wird.

Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, woran die evangelischen Kirchen kranken. Anders gesagt: Wo liegt das Problem, warum sie eher schrumpfen, anstatt – wie es ganz natürlich wäre – zu wachsen. Das Zitat, welches ich an den Beginn der Rezension gestellt habe, bringt dieses Problem sehr schön auf den Punkt: Es ist eine Krise der Verkündigung, die durch eine Glaubenskrise entstanden ist – weil zunehmend mehr Prediger Gottes Wort kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Sehr treffend bezeichnet Parzany auf S. 49 die Bibelkritik als „Krebsschaden der Kirche“. Er zeichnet die Geschichte der Bibelkritik in wenigen Absätzen nach, und zeigt auf, wie diese die heutige evangelische Kirche nicht nur unterwandert hat, sondern geradezu beherrscht.

An der Stelle möchte ich einen Kritikpunkt am Buch anbringen. Parzany beschreibt sehr vieles korrekt – und doch hat man zuweilen das Gefühl, das Buch sei zu schnell geschrieben worden. Das Unterkapitel ist wunderschön mit „Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche“ überschrieben, doch dann geht der Autor nicht weiter auf dieses treffende Bild ein. Er überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang zu erkennen. So gibt es immer wieder korrekte, aber im Buch nicht ausreichend erklärte, Schlagworte, die es leider seinen Gegnern leicht machen, ihn als polemisch und unbegründet zu diskreditieren. Auch hätte ich mir das vorliegende Kapitel mit der Geschichte der Bibelkritik etwas ausführlicher gewünscht, da es manche – für Kenner der Geschichte natürlich selbstverständliche – Gedankensprünge enthält, die für manche Leser einfach besser begründet werden sollten.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden noch mehr Kontroversen angesprochen – wie etwa jene um den interreligiösen Dialog, den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die „Ehe für Alle“ und die Taufpraxis. Bei all diesen Themen fasst sich Parzany sehr kurz – vermutlich zu kurz, um jemanden überzeugen zu können, der anderer Meinung ist. Vielleicht ist dies beim vorliegenden Buch aber auch nicht so wichtig.

Das dritte und vierte Kapitel finde ich superspannend. Hier beschreibt der Autor, warum er trotz allem immer noch in der evangelischen Kirche ist. Er versucht, ein „Baugerüst“ zusammen zu stellen, auf das kommende Generationen wieder Gottes Kirche bauen können. Man muss es erst mal selber lesen, denn Parzany ist ein Mann, der keineswegs pessimistisch ist, vielmehr ist er voller Hoffnung für die Zukunft. Und deshalb muss ich zum Schluss noch ein Wort an die zahlreichen Spötter und Kritiker richten, die ihm vorwerfen, die Kirche spalten zu wollen. Nicht Parzany ist es, der die Kirche spaltet, sondern Bibelkritiker spalten die weltweite christliche Kirche, indem sie die Grundlage des Glaubens, nämlich die Bibel als Gottes Wort, verlassen und sich eigene Bibeln basteln. Der Glaube an Jesus Christus, den wir nur aus der Bibel in ihrer Ganzheit haben können, ist es, was alle Christen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet. Deshalb wünsche ich jedem Gemeindebund einen Ulrich Parzany, der hoffnungsvoll und mit großer Klarheit zu einer neuen Reformation ruft – zu einer Rückkehr zum Jesus Christus der Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist.

Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sternen / Punkten


Zusammenfassung: Es ist ein lesenswertes Buch, das sehr viele gute Kritikpunkte enthält und zugleich Mut für eine erneute Reformation macht. Es hätte aber ruhig in manchen Abschnitten ausführlicher und exakter begründet geschrieben werden dürfen.