Montag, 20. November 2017

Buchtipp: Warum die Zeit verfliegt

Burdick, Alan, Warum die Zeit verfliegt, Karl Blessing Verlag München, 1. Aufl. 2017, Verlagslink / Amazonlink

Vielen Dank an den Blessing-Verlag für das Rezensionsexemplar.

Alan Burdick ist Journalist für den New Yorker und hat ein Buch über die Zeit geschrieben. Er schreibt im Vorwort, dass ihm die Zeit schon immer Mühe bereitet habe, und er sich deshalb den größten Teil seines Lebens davor gedrückt habe, eine Uhr zu tragen (S. 17). Er hat sich jedoch für das Phänomen Zeit interessiert und sich auf die Suche gemacht, um herauszufinden, was die verschiedenen Wissenschaften über die Zeit zu berichten haben. Er sucht Biologen und Physiker auf, durchsucht Studien und macht Selbstversuche, um hinter das Geheimnis der Zeit zu kommen.

Das Buch ist gut gefertigt, der Umschlag entspricht dem schlichten Umschlag des englischen Originals, einfach gehalten, beinahe unscheinbar. Viel weißer Hintergrund mit zwei schwarzen Uhrzeigern. Einerseits hebt sich diese Titelgestaltung wohltuend von vielen überladenen Titeln anderer Bücher ab, andererseits läuft sie Gefahr, gar nicht mehr wirklich wahrgenommen zu werden.

Burdick macht sich auf die Suche nach der präzisesten Zeit der Welt. In seiner Vorstellung muss das eine Uhr sein, welche die exakteste Zeit angibt. In Paris findet er diese Zeit, doch nicht in Form einer Uhr, denn es gibt weltweit eine ganze Reihe von Uhren, welche beständig miteinander verglichen und durch Berechnung und Schätzung aneinander angeglichen werden: „Die exakteste Uhr der Welt, die Koordinate Weltzeit, wird von einem Komitee produziert. Das Komitee verlässt sich dabei auf hoch entwickelte Computer und Algorithmen und den Input von Atomuhren, doch die Metaberechnung, die leichte Bevorzugung des Inputs der einen Uhr vor dem der anderen, wird letztendlich durch die Debatten bedächtiger Wissenschaftler gefiltert. Zeit ist eine Gruppe diskutierender Menschen.“ (S. 42)

Einen großen Bereich des Buches nimmt das Thema Zeitwahrnehmung ein. Das Leben ist von einem circadianen Rhythmus geprägt. Circadian heißt „um den Tag herum“, was etwa so viel bedeutet, dass dieser Rhythmus ungefähr 24 Stunden dauert. Viele Zellen unseres Körpers funktionieren ungefähr circadian, wobei das Tageslicht, das in unsere Augen fällt, immer wieder zum Taktgeber wird, der die unzähligen Uhren in unserem Körper neu justiert und aufeinander abstimmt.

Burdick machte sich auch einmal auf die Reise in die Arktis, um herauszufinden, „wie es sich dort anfühlt.“ (S. 106) Dort ist im Sommer monatelang so etwas wie ein einziger Tag; die Sonne geht nie unter, es wird höchstens ein etwas dunkleres oder helleres Grau. Was hingegen geschieht, wenn der Körper nur noch Nacht um sich herum hat, erfährt Burdick von den Schilderungen Michel Siffres, der insgesamt dreimal über eine längere Zeit in einer Höhle gelebt hat, um herauszufinden, wie er auf diese Umstellung reagiert. Auch er empfand die Zeit wie „ein einziger langer Tag.“ (S. 131) Doch als er wieder ins Freie kam, klagte er über ein „beschädigtes Gedächtnis“ (ebd.), da er nicht mehr wisse, was er vor dem letzten Mal schlafen gemacht habe.

Wir Menschen nehmen Zeit als Aneinanderreihung von Momenten und als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahr. Doch wie lange ist eigentlich die Gegenwart? Paul Fraisse etwa definierte 1957 die Gegenwart als Zeit von ungefähr fünf Sekunden, weil diese Zeit ausreiche, um einen kurzen Satz von 20 – 25 Silben auszusprechen (vgl. S. 239) Leider verpasst Burdick die Chance, diese Definition näher zu erläutern. Ich persönlich empfinde es als eine ausgezeichnete Definition, denn diese Zeitspanne reicht auch aus, um einen kurzen Satz zu verstehen oder einen einfachen Gedanken zu Ende zu denken.

Wie lange erscheint uns eine bestimmte Zeitdauer? Fünf Minuten im Kino sind enorm schnell vorbei – dieselben fünf Minuten beim Zahnarzt ziehen sich in die Länge wie ein Kaugummi. Interessante Experimente haben weitere Kriterien ausfindig gemacht, welche dazu führen, dass eine bestimmte Zeitdauer als länger oder kürzer wahrgenommen wird: „Stellen Sie sich einen Punkt vor, der kurz auf dem Computerbildschirm erscheint. Sie werden gebeten zu beurteilen, wie lang die Dauer von 'kurz' war: Je heller der Punkt, desto länger wird sie Ihnen erscheinen. Auch die Dauer eines größeren Punktes wirkt länger als die Dauer eines kleineren, die eines bewegenden länger als die eines stationären, die eines sich schnell bewegenden Punkts länger als die eines sich langsam bewegenden, die eines schnell flackernden länger als die eines langsam flackernden.“ (S. 272) Oder noch etwas alltäglicher formuliert: „Susan und ich hatten eine Spielzeugwechselpolitik eingeführt, erhielten aber bald eine Grundlektion in Zeitwahrnehmung: Für den Zwilling, der Das Ding gerade nicht hat, dauert die Zeit, in der der andere es hat, immer länger. Dauer liegt im Auge des Betrachters, nicht in dem des Besitzers.“ (S. 324)

Jeder Mensch hat jeden Tag 24 Stunden Zeit. Und doch: „Zeit ist das Einzige, an dem es gefühlsmäßig jedem Menschen mangelt.“ (S. 402) Ich nicke. Und bin dankbar, dass Gott uns die Ewigkeit schenken möchte.

Alan Burdick hat es geschafft, ein Buch zu schreiben, das sich spannend, wenn auch nicht ganz so leicht liest. Häufig gibt es Umbrüche zwischen verschiedenen Fragen, die alles andere als glatt oder rund sind. Es ist ein Buch, das trotz unkomplizierter Sprache viel Aufmerksamkeit erfordert. Aber es ist sehr lesenswert, weshalb ich es auch sehr empfehlen möchte. Wer sich für unsere menschliche Wahrnehmung der Zeit interessiert, wird hier viele Antworten bekommen. Und doch frage ich mich am Ende: Hat Burdick die große Frage des Buches, warum die Zeit verfliegt, eigentlich beantwortet? Er hat sich der Frage von vielen Seiten genähert, doch eine letztgültige Antwort bleibt er dem Leser schuldig. Hat der Autor eine? Gibt es überhaupt eine solche? Oder könnte es sein, dass der Buchtitel gar nicht so viel mit dem Inhalt zu tun hat, sondern eher versuchen soll, noch mehr Leser zu rekrutieren? Ich weiß es nicht, aber ich bin dankbar, dass ich es gelesen habe. Es hat mir viel zu denken gegeben.

Ich gebe dem Buch fünf von fünf Sternen.


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