Montag, 16. Oktober 2017

Bibelkritik: Was ist eigentlich historisch-kritisch und was nicht?

Nachdem ich vor ein paar Tagen Gründe gesucht habe, warum Menschen zu Bibelkritikern werden, möchte ich heute fragen, was eigentlich die historisch-kritische Bibelauslegung ausmacht, ob man sie definieren und von anderen Methoden abgrenzen kann, die nicht zur historisch-kritischen Methode gehören. In meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Biblischen Theologie habe ich einzelne Abstecher in die Geschichte der historisch-kritischen Methode gemacht, da diese beiden Bereiche in manchen Fällen sehr nahe beisammen liegen. Im oben verlinkten PDF kann deshalb dazu noch mehr gelesen werden. Im Weiteren zitiere ich zum Teil aus diesem Dokument und kommentiere diese Zitate.

Die Geburt der historisch-kritischen Methode
Die historisch-kritische Methode ist innerhalb der Kirchengeschichte sehr jung, während die Auslegung der Bibel schon so alt ist wie die Bibel selbst. Innerhalb der Bibel finden sich viele Auslegungspredigten und Hinweise auf solche, die gehalten wurden. Die Geburt der historisch-kritischen Methode ereignete sich vor noch nicht einmal 250 Jahren, nämlich 1771, als der Halle'sche Pietist Johann Salomo Semler seine Schrift „Abhandlung von freier Untersuchung des Canons“ veröffentlichte.
Dazu muss ich zwei Bemerkungen anfügen. Erstens macht sich jeder, der seither die historisch-kritischen Methoden als alternativlos bezeichnet, des Vorwurfs schuldig, das Christentum hätte über 1700 Jahre lang die Bibel nicht richtig verstehen können und habe deshalb einen minderwertigeren Glauben gehabt.
Zweitens müssen wir deshalb klar festhalten, dass alle Methoden der Bibelauslegung, die bereits vor 1771 vorhanden waren, keinesfalls als Teile der historisch-kritischen Methode bezeichnet werden dürfen. Selbstverständlich darf sich jeder auch dieser früheren Vorgehensweisen bedienen, allerdings ist es unzulässig, sie als Methoden der HKM zu vereinnahmen. Leider wird dies allzu gerne getan, damit man zu besseren Argumenten für die HKM kommt, indem man zuerst legitime, auch bei Bibeltreuen beliebte Methoden vorstellt, sie dann zum Arsenal der HKM zählt, und im Anschluss argumentiert, wer jene Methoden gut finde, müsse für den Rest auch offen sein. Diese Vorgehensweise ist enorm unehrlich, besonders auch deshalb, weil jeder, der sich noch nicht so ausführlich mit der Theologiegeschichte auseinandergesetzt hat, solcher Propaganda leicht auf den Leim geht.


Bibelauslegung vor 1771
Vor 1771 wurde die Bibel schon viele Jahrhunderte lang ausgelegt. In der Zeit der Urgemeinde und der Kirchenväter bis weit ins späte Mittelalter war die Rede vom vierfachen Schriftsinn:
1. Wörtlich-geschichtliches Verständnis („Was hat das für den ersten Leser bedeutet?“)
2. Allegorisch-typologisches Verständnis („Auf was kann man es sonst noch übertragen?“)
3. Moralisch-ethisches Verständnis („Wie kann ich das leben?“)
4. Anagogisch-eschatologisches Verständnis („Was sagt das über die Ewigkeit aus?“)

Diese Auslegungspraktiken haben zum Teil durchaus ganz interessante Blüten getrieben. In der Zeit der Reformation kam man zum Schluss, dass vor allem der erste Punkt und darunter untergeordnet auch der dritte wichtig ist. Man hat die Bibel wörtlich verstanden, sah ihre Inhalte als geschichtlich so wahr und tatsächlich geschehen an, und begnügte sich mit einem einfachen, kindlichen Vertrauen in Gott und Sein Wort.

1516 erschien das griechische Neue Testament erstmals gedruckt, und zwar von Erasmus von Rotterdam in Basel ediert. Er hat das mit den damals vorhandenen Manuskripten textkritisch bearbeitet. Insofern ist es falsch, die Textkritik, also den Vergleich mehrerer Handschriften für die möglichst genaue Erarbeitung des Textes, als Teil der historisch-kritischen Methode zu bezeichnen. Leider waren Erasmus erst wenige Handschriften zugänglich, da noch nicht so viele gefunden worden waren.

Die Auslegung der Reformation und der Zeit danach kann man als grammatisch-historische Auslegung bezeichnen. Es wurde auf die genauen Worte im Urtext, die Formen der Grammatik, die Geschichte und Bräuche der damaligen Zeit, soweit bekannt, geachtet. Auch die verschiedenen Gattungen wurden genau beachtet, ob es sich um einen Brief, einen Psalm, ein Geschichtswerk, eine Prophetie, etc. handelte, wurde ernst genommen. All diese Vorgehensweisen können somit nicht original zu den historisch-kritischen Methoden gezählt werden. Wer etwa die Kommentare und Predigten von Johannes Calvin liest, wird eine meisterhafte Darbietung dieser Methoden vorfinden, auch wenn man natürlich nicht in allen Fragen mit ihm einverstanden sein muss.


Ernst Troeltsch und die Definition der HKM
Ernst Troeltsch untersuchte die bisherige historisch-kritische Methode und suchte nach einer Definition und Methodik, die der Theologie helfen sollte, auf diese Art und Weise zu arbeiten. Er stellte auf diese Weise ein dreifaches Werkzeug her, das er in seinem Buch Über historische und dogmatische Methode in der Theologie ausführte:

a. Kritik:
Alles muss zunächst einmal angezweifelt werden. Nichts darf per se als wahr betrachtet werden, wenn seine Wahrheit nicht zuerst nachgewiesen werden konnte. Die menschliche Vernunft (und damit der Subjektivismus) wird über jede Aussage der Bibel gestellt und muss sie in allem radikal hinterfragen.

b. Analogie:
Diese Kritik geschieht zunächst durch das Prinzip der Analogie. Das bedeutet: Man sucht nach ähnlichen Berichten und bewertet anhand derer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben könne. Hierdurch wird die Tatsache von Wundern komplett in den Bereich der Mythen verschoben. Auch Jungfrauengeburt und leibliche Auferstehung Jesu streitet man mit dieser Vorgehensweise ab.

c. Korrelation:
Die zweite Methode der Kritik ist die Korrelation. Es darf keine Zufälle geben, deshalb beruht alles auf Wechselwirkungen und die müssen gefunden werden. Es wird also gefragt, woher es komme, dass die biblischen Autoren genau jenes geschrieben haben, also: woher könnten sie ihre religiösen Vorstellungen haben? Von wem sind die „geklaut“? Auf welche Ursache sind die biblischen Texte zurückzuführen? Diese historisch-kritischen Werkzeuge haben seit Troeltsch den Verlauf der evangelischen Theologiegeschichte zutiefst geprägt.


Schlussbemerkungen
Es ist eine traurige Tatsache, dass die Bibelkritik in der englischen Sprache als „German higher criticism“, also „deutsche höhere Kritik“ in bewusster Abgrenzung zur Textkritik bezeichnet wird. Wir haben feststellen können, dass es schon lange vor den Erfindungen der historisch-kritischen Methoden sehr viele zuverlässige und wertvolle Hilfsmittel und Methoden gab, mit welchen die Bibel schriftgetreu und damit jesusgetreu ausgelegt werden konnte. In einem späteren Beitrag werde ich mich mit verschiedenen der historisch-kritischen Methoden auseinandersetzen. Jeder, der die bibelkritischen Methoden gut findet, darf mir gerne eine Liste von positiven Erkenntnissen zusenden, die nur dank der (echten) historisch-kritischen Methoden gewonnen werden konnten. Dabei zählen alle oben genannten (und weiteren) Methoden nicht, die schon vor J. S. Semler bekannt waren. Ich bin gespannt, ob sich irgendwer traut, diese Herausforderung anzunehmen. Bitte keine Buchvorschläge, sondern nur in eigene Worte gefasste Erkenntnisse.


Montag, 9. Oktober 2017

„Wia soll i schwätza, damit du mi verstanda doasch?“

Vor zwei bzw. 2,5 Jahren wurden mir meine beiden Cochlea-Implantate eingesetzt; davor war ich rund 17 Jahre Hörgeräte-Träger verschiedener Modelle. Immer wieder werde ich gefragt, wie man mit mir reden solle, damit ich möglichst viel verstehen könne. Heute möchte ich ein wenig darüber schreiben, wie es ist, wenn man schlecht hört und viel mitkriegen will.

Schwerhörigkeit ist ein Phänomen, das zunehmend mehr Menschen betrifft, und das hat nicht so viel mit Bevölkerungswachstum zu tun, sondern viel mit Stress, Lärm an immer mehr Arbeitsplätzen, an unvorbildlichem Umgang mit lauter Musik in der Freizeit und manchen anderen Dingen in unserer Zeit. Es hat aber auch damit zu tun, dass es immer bessere Hilfsmittel gibt, die uns helfen. Lange Zeit bedeutete eine Schwerhörigkeit, dass man in der Gesellschaft nichts mehr mitbekam, dass man sich zurückzog, dass man vielleicht auch als wunderlich betrachtet wurde. All das ist eigentlich vorbei.

Wenn ich gefragt werde, wie man reden soll, damit ich viel verstehen könne, dann ist meine Antwort üblicherweise: Einfach normal. So wie immer. Und diese Antwort möchte ich jetzt ausführen. Viele Menschen sind mit der Vorstellung aufgewachsen: Wer schlecht hört, dem muss man alles ganz laut, deutlich und langsam sagen. Meine Antwort: BITTE NICHT SO!!!

Warum nicht? Der erste Grund dafür lautet: Ich möchte deine normale Stimme hören und kennenlernen können. Du wirst mit allergrößter Gewissheit kurze Zeit später in deine „normale Stimme“ zurückfallen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und deine normale Stimme ist richtig gut. Sie gefällt mir, sie zeigt mir einen Teil von dir, sie gehört zu dir. Das möchte ich kennenlernen und nicht jede halbe Minute wieder erinnern müssen: Bitte wieder anders. Du wirst auch nicht jedes Mal wieder die gleiche „andere Stimme“ brauchen, da gibt es immer wieder Änderungen, die mit deiner Gefühlslage und anderem mehr zusammenhängen. Deine normale Stimme ist etwas, woran ich mich gewöhnen kann.

Der zweite Grund lautet: Ich möchte selbst bestimmen können, wie laut ich dich höre. Es mag für Leute, die sich weigern, Hörmittel zu nutzen, eine Hilfe sein, wenn du laut mit ihnen sprichst. Alle, die Hörgeräte oder einen Sprachprozessor am Ohr tragen, haben die Möglichkeit, die Lautstärke selbst einzustellen. Und das ist unsere Verantwortung, es auch zu tun. Jedes Hörgerät hat entweder eine Fernbedienung oder bei älteren Modellen (ich hatte auch schon so eins) ein Rädchen obendrauf, womit man ziemlich gut einstellen kann, wie laut es sein soll. Eine Ausnahme ist das Gespräch im starken Störlärm, das heißt mit Hintergrundgeräuschen. Aber auch da bitte nur dann die Stimme ändern, wenn ich dich darum bitte.

Was kannst du somit tun? Rede einfach normal, wie du es gewohnt bist, mit allen übrigen Menschen zu reden. Ich bin kein Sonderfall. Ich bin ein Mensch wie jeder andere auch. Habe Geduld mit mir. Anstatt mir jedes Wort S O G A N Z L A U T U N D D E U T L I C H U N D L A N G S A M zu sagen, gehe bitte davon aus, dass ich rund 90% von dem, was du im Gespräch sagst, entweder direkt verstehen oder mir aus dem Zusammenhang heraus zusammenreimen kann. Nutze die damit gesparte Zeit lieber, um mir die restlichen 10%, die ich gar nicht verstehe, nochmal zu wiederholen, oder zur Not auch noch ein zweites Mal. Ich gebe mir im Gegenzug viel Mühe, dir das möglichst einfach zu machen, indem ich entweder das Gehörte zusammenfasse oder konkret Fragen zum nicht Verstandenen stelle.

Gehe aber bitte auch nicht davon aus, dass „der Andere“ jetzt einfach wieder hört, weil er Hörgeräte trägt oder einen Sprachprozessor und ein Implantat hat. Das kann das normale Hören nicht einfach ersetzen. Zuhören und Verstehen ist anstrengend. Immer. Und doch liebe ich es, also bitte nimm einfach auch Rücksicht, wenn ich sage, dass ich eine Pause brauche oder lieber an einen ruhigeren Ort gehen möchte, und hilf mir, den Einstieg ins Gespräch nach einer Pause wieder zu finden, indem du mir kurz zusammenfasst, was zuletzt noch gesagt wurde. Das hilft mir ungemein. Danke!

Warum werden Menschen zu Bibelkritikern?

Wie kommt es, dass immer mehr Gemeindebünde von der Bibelkritik unterwandert und verseucht werden? Wie kommt es, dass auch immer mehr Evangelikale die Ergebnisse der bibelkritischen Theologie gut finden? Ich zähle im Folgenden einige Gründe auf (es gibt natürlich noch mehr), von denen ich denke, dass sie häufig dazu führen, dass sich Menschen der Bibelkritik öffnen.


1. Der Wunsch, die Bibel besser zu verstehen
Ich glaube, dass der häufigste Grund derjenige ist, dass Menschen die Bibel noch besser verstehen möchten. Sie meinen, dass die Methoden der Naturwissenschaft auch bei der Bibel zu besserem Verständnis führen können. Wenn man den Lauf der Sterne besser erklären kann, indem man jede übernatürliche Beeinflussung ausschließt, dann könnte dasselbe ja auch für die menschliche Geschichte und das Verständnis der Bibel gelten. Der Wunsch führt leider oft so weit, dass man die Bibel besser verstehen will, als Jesus Christus sie verstanden hat. Jesus Christus hat das ganze Alte Testament als von Ihm persönlich durch Seinen Geist inspiriert und unfehlbar betrachtet. Wer mit Jesus gegen die Bibel argumentieren will, argumentiert mit Jesus gegen Jesus.


2. Der Wunsch, ein positives Gottesbild zu bekommen
Es gibt Menschen, die verzweifeln an ihrem Gottesbild, das sie angeblich aus der Bibel haben wollen, bei welchem sie aber manche biographischen Erlebnisse in bestimmte Begriffe der Bibel hineininterpretieren. Und nun meinen sie, dass die historisch-kritische Bibelauslegung ihnen helfen kann, mit ihren Gottesbildern klarzukommen. Zumeist sind diese sehr einseitig – und werden dann durch wiederum andere sehr einseitige, aber nun ins Gegenteil pervertierte Gottesbilder ersetzt. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, sei nun mal dahingestellt.


3. Der Wunsch, die eigenen Zweifel zu rechtfertigen
Häufig studieren Menschen Theologie, die von ihrem Charakter her schon immer alles gut überdacht und hinterfragt haben. Nun wird ihnen im Studium eine Reihe von Methoden geliefert, die ihnen helfen, ihren Zweifel nicht mehr als etwas Negatives, sondern als eine notwendige Voraussetzung für das theologische Arbeiten zu sehen. Damit wird der Zweifel vergötzt und zu einem falschen Zweck instrumentalisiert. Leider wird in vielen Gemeinden und Jugendkreisen auch heute noch vor dem Zweifel gewarnt. Hier sehe ich eine zum Teil berechtigte Komponente der universitären Theologie, dass sie versucht, den Studenten die Angst vor dem Zweifel zu nehmen. Leider fällt sie damit jedoch auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie den Zweifel zur Methode macht (darüber wird in einem späteren Blogpost noch die Rede sein).


4. Der Wunsch, Menschen zu Jesus zu führen
Vielfach sind junge Menschen auch vom Wunsch beseelt, viele Menschen zu Jesus führen zu wollen, und das ist ein enorm wertvoller Wunsch. Doch dieser Wunsch kann auch dazu führen, dass Menschen versucht sind, die enge Pforte und den schmalen Weg breiter zu machen als Jesus sie gemacht hat. Das führt zu einer Umdeutung oder Vernachlässigung von echter Buße, Bekehrung und Wiedergeburt. Es wird zu einer billigen Gnade und einem verdrehten Evangelium, das psychologisch statt soteriologisch (die Erlösung betreffend) gedeutet wird. Der Mensch wird in den Mittelpunkt gestellt, während Gott an die Peripherie gedrängt wird. Theologie wird zur Anthropologie und das Evangelium zu einer Wunscherfüllungsmaschinerie menschlicher Sehnsüchte. Wer hingegen am altrauhen Evangelium von Gottes Zorn, Sünde, Buße, Himmel und Hölle, Erlösung und stellvertretendem Sühnopfer festhält, wird als Pharisäer abgestempelt, der dagegen versucht, die Messlatte möglichst hoch anzusetzen, um sich selbst besser und geliebter zu fühlen, indem alle anderen ausgegrenzt werden. Am Ende gilt Gottes Zorn nur noch jenen altmodischen Wörtlichverstehern, die nichts von der Bibel kapiert haben.


5. Der Wunsch nach Anerkennung
Das Streben nach Anerkennung sitzt in jedem Menschen. Deshalb ist es auch so leicht, dem Druck der sogenannten „Wissenschaftlichkeit“ nachzugeben. Wer publizieren will, ist diesem Druck sehr schnell ausgesetzt. Wer lehren will, wird auch auf die Vorgaben der gerade herrschenden Vorstellung von Wissenschaftlichkeit geprüft. Da hier auf der universitären Ebene nun mal die historisch-kritische Methodik gehört, ergibt sich ein Teufelskreis von Lehrenden und Lernenden, der immer tiefer in den Strudel bibelkritischer Methodik hineinführt.


6. Der Wunsch, es sich nicht zu einfach zu machen
Das Leben ist kompliziert. Oder zumindest scheint es vielen Menschen kompliziert zu sein. (Mal Hand aufs Herz: Könnte es nicht sein, dass wir es uns oft selbst zu kompliziert machen?) Deshalb darf es im Leben auch keine einfachen Antworten geben. Alles muss mit einem „Ja, aber...“ versehen werden. Die historisch-kritische Methodik ist ein Arsenal an Möglichkeiten, wie man dabei vorgehen kann, um sich das Leben schwer zu machen. An die Stelle des einfachen, kindlichen Vertrauens in Gott und Sein Wort tritt ein neues, geradezu päpstlich-unfehlbares Lehramt der Bibelkritik, das für jedes Wehen des Zeitgeistes eine individuelle, diesen gleichsam aufnehmende, Antwort zu bieten hat. Das kostet viel Kraft, viel Zeit und viel Geld für Leerstellen – pardon: Lehrstellen – im universitären Bereich. Aber zumindest muss sich dann niemand den Vorwurf gefallen lassen, man würde es sich zu einfach machen.


7. Der Wunsch, selbständig denken zu wollen
Das wird man ja wohl noch denken dürfen!“ „Die Gedanken sind frei!“ „Wir sind zur Freiheit unseres Denkens berufen!“ Die Vergötzung des menschlichen Verstandes, der sich selbst das Gesetz sein will, autonom, unabhängig von jeder äußeren Vorgabe, nimmt viele Züge an. Die historisch-kritischen Methoden bieten viele Werkzeuge, die dem Menschen helfen, in der Bibel zu finden, was sie von ihr zu finden erwarten. Überraschung hält sich in Grenzen, ist doch der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen, wenn er sich zum Maßstab für das macht, was er finden will. Natürlich gibt es hin und wieder kleinere Überraschungen, die dann frenetisch gefeiert werden, als würden sie eine neue Reformation bedeuten. Doch nicht selten stellt sich nach etwas Nachdenken heraus, dass es sich lediglich um eine leicht abgeänderte Form eines Gedankens handelt, der schon vor Jahrhunderten geäußert, damals aber vor der Kirche abgelehnt wurde. Entsprechend ergeben sich dann Forderungen, man müsse diese früheren Personen rehabilitieren.


8. Der Wunsch, alles besser zu machen als frühere Generationen
Es ist gut, wenn Menschen aus früheren Fehlern zu lernen versuchen. Doch ist nicht alles ein Fehler, was heute als Fehler gesehen wird. Häufig ist der Wunsch nach Rebellion gegen alles Frühere Vater des Gedankens. Doch die Bibel macht klar, dass Rebellion eine Zaubereisünde ist (1Sam. 15:23). Die Idee, man sei besser als frühere Generationen führt zu Stolz und dem Denken, man sei besser als das Frühere. Hier wäre deutlich mehr Demut und eine bessere Kenntnis des Früheren vonnöten. Eng damit verbunden ist auch das Denken, man lebe heute in einer nie zuvor dagewesenen Zeit, die nach neuen Ideen und einer neuen Theologie verlange, die für die Menschen unserer Zeit annehmbar sei. Was dabei unter den Teppich gekehrt wird, ist die Tatsache, dass die echte, biblische, einzig und ewig gültige Wahrheit noch nie für die Menschen irgend einer Zeit annehmbar war. Sie war den Griechen eine Torheit und den Juden ein Anstoß. Das wird heute nicht anders sein. Den Modernen eine Torheit und den Postmodernen ein Anstoß. Davor müssen wir keine Angst haben, Jesus Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.


Mittwoch, 6. September 2017

Wählen – ja, aber wie?

Die Bundestagswahlen stehen vor der Türe. So manch einer überlegt sich noch, wo die Kreuze hin sollen. Ich stelle hier ein paar mögliche Strategien vor, wie man dabei vorgehen kann.

1. Traditionswahl
Wer sagen kann: Ich hab schon immer diese Partei gewählt, sie macht das gut, und ich möchte, dass es so weitergeht, hat allen Grund, dankbar zu sein. Eine gut begründete Traditionswahl ist eine sehr gute Sache.

2. Parteienwahl
Wer sich im Voraus schon gründlich mit den verschiedenen Wahl- und Regierungsprogrammen beschäftigt hat, kann hier punkten – vielleicht wurde die eine Partei gefunden, welche eine große Übereinstimmung mit den eigenen Positionen erzielte. Es ist allerdings eine ziemlich große Herausforderung für Otto-Normalbürger, sich die mehreren tausend Seiten an Programmen zu Gemüte zu führen. Damit sollte man ein halbes Jahr vor dem Wahltag angefangen haben. Selbst ich als Vielleser habe mir manche Programme nur überfliegend „angetan“.

3. Personenwahl
Besonders schön ist es, wenn man bestimmte auf den Listen aufgestellte Personen auch persönlich kennt und weiß, dass auf sie Verlass ist. Das sind besonders wertvolle Hilfen, weil man dann weiß, worauf man sich einlässt, wenn die besagte Person tatsächlich nach Berlin geschickt wird.

4. Themenwahl
Eine weitere Möglichkeit besteht auch darin, sich zu fragen: Welches Thema ist mir gerade besonders wichtig? Dann kann man jene Partei wählen, welche dieses eine Thema so vertritt, wie man es gerne hätte – im Wissen, dass man dabei gleichzeitig bei anderen Themen Abstriche wird machen müssen. Politik besteht immer aus Kompromissen, weil sie von Menschen gemacht wird, und Menschen bekanntlich subjektive Wesen sind.

5. Protestwahl
Sodann gibt es die Möglichkeit, die großen Parteien bewusst „abzustrafen“, indem man eine kleine Partei wählt, von der man sicher weiß, dass sie nicht genügend Stimmen bekommt, um die 5%-Hürde zu überwinden. Es wurden zu diesem Zweck schon „Spaßparteien“ gegründet, damit Protestwähler diese wählen können. Allerdings ist auch das mit einem gewissen Risiko verbunden, denn falls zu viele Wähler eine solche Protestpartei wählen, kann es zu unvorhersehbaren Veränderungen in der gesamten Parteienlandschaft kommen. Nicht immer jene, die man will.

6. Unterstützungswahl
Es gibt natürlich noch einen anderen guten Grund, um kleine Parteien zu wählen, nämlich den, dass man diese Partei bewusst unterstützen möchte. Selbst wenn die Parteien dann keine Sitze im Bundestag bekommen, werden sie durch jede weitere Stimme ermutigt, mit ihrer Arbeit fortzufahren.

7. Fragenwahl
Die Bundeszentrale für politische Bildung hat einen „Wahl-O-Mat“ bereitgestellt, bei welchem der User eine Anzahl von Fragen beantworten kann, und sich dann ausrechnen lässt, mit welchen Parteien man in diesen Fragen zu wieviel Prozent übereinstimmt. Das ist eine wertvolle Sache, um sich in die Materie hineinzufinden. Allerdings ist das Ergebnis immer mit Vorsicht zu genießen, da es auf genau diese Fragen beschränkt ist. Ich bin dieses Jahr sowohl mit der Formulierung als auch der Auswahl der Fragen nicht so sehr zufrieden, aber es ist gut, wenn man sich das mal anschaut.
Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen hat außerdem eine Reihe von „Wahlprüfsteinen“ vorgelegt. Dies ist eine Reihe von Fragen, welche die VEF an die Parteien zukommen ließ, welche sich nach heutiger Umfragenlage vermutlich durchsetzen werden.

8. Strategische Wahl
Mit dem Begriff der strategischen Wahl meine ich, dass man sich zuerst einen „best case“ und einen Wurst-Käse oder besser gesagt „worst case“ überlegt, mit Hilfe der Ergebnisse von Umfragen und zusätzlichen Infos versucht, mit seiner Stimme am meisten zu erreichen.

Und dann kann man natürlich anfangen, diese Strategien bunt zu mischen, ganz nach Belieben. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, es sei denn, man meint damit den zum Wahllokal. Nicht zu wählen bedeutet immer, zu wählen, was man nicht will.


Dienstag, 5. September 2017

Bibeltreue Online-Mission?


Ein Facebook-Freund fragte mich kürzlich, ob ich Ideen für die christliche Bloggerszene hätte. Eine Idee habe ich unter bibeltreuen Bloggern schon mehrmals angesprochen, etwa hier (Frage 11). Die Idee wäre eine Art deutschsprachiges „Patheos“ oder „Gospel Coalition“, also eine Plattform, auf welcher einige gute Blogs gemeinsam gehostet werden.

Eine zweite Idee wäre eine bibeltreue Online-Mission in deutscher Sprache. Also eine Plattform, die in deutscher Sprache, die sich unter den Communities durchsetzen kann, und auf allen Kanälen missioniert. Allerdings habe ich hinzugefügt, dass ein solches Projekt, damit es wirklich etwas bewegen kann, in der bibeltreuen Szene enorm unrealistisch ist. Nur mal ein paar Zahlen. Man müsste eine multimediale Plattform bauen, die genügend Traffic erlaubt, ohne merklich langsamer zu werden. Allein die Erstellung einer solchen Plattform bedeutet einen Aufwand von etwa 40-50k€. Ein solches Projekt würde vermutlich voraussetzen, dass vor Beginn mindestens 200'000€ Startkapital vorhanden wäre, sowie 5 – 6 Vollzeit-Angestellte, die sich langfristig um die praktische Umsetzung, Kampagnen und Inhalte kümmern: Podcasts, 2x pro Woche ein gut gemachtes YouTube- und Vimeo-Video, Blogbeiträge, eine moderierte Community und vieles mehr. Laufende Kosten schätze ich auf mindestens 50'000€ im Monat, vermutlich käme noch die Miete für Räumlichkeiten hinzu, die ich in meiner Überschlagsrechnung mal ausgeklammert habe. Der Leser möge sich selbst Gedanken machen, ob so etwas realisierbar ist.

Es gibt natürlich das Argument, dass so etwas auch klein angefangen und dann weiter ausgebaut werden könne. Hier muss man jedoch sehen, dass in einem solchen Fall insgesamt deutlich höhere Kosten anfallen würden, weil jede neue „Ausbaustufe“ wieder eine komplette Überarbeitung, Implementierung und Integration des Bestehenden bedeuten würde. Man zahlt also mehrfach drauf. Außerdem gibt es schon einige Versuche dieser Art; und die Realität zeigt, dass solche Seiten nicht über eine gewisse Größe wachsen können, weil zu wenig investiert wird. Meines Erachtens ist dies ebenso wenig realisierbar wie mein lange gehegter Traum einer bibeltreuen Universität in Deutschland, in welcher alle Fachrichtungen von der bibeltreuen Weltanschauung her behandelt werden: Theologie, Philosophie, Pädagogik, Medizin, Rechtswissenschaft und natürlich auch die Naturwissenschaften. Unrealistisch ja, aber träumen darf man ja wohl noch ;-)


Mittwoch, 23. August 2017

Buchtipp: Die Gabe der Könige

Hobb, Robin, Die Gabe der Könige, Penhaligon Verlag, RandomHouse, München, August 2017, Verlagslink, Amazon-Link

Vielen Dank an den Penhaligon-Verlag für das Rezensionsexemplar des Buches. 

Fitz Chivalric Weitseher ist ein uneheliches Kind von Prinz Chivalric, dem geplanten Thronfolger der Sechs Provinzen. Er erzählt in diesem Buch aus seiner Sicht, was sich in seinem Leben bisher zugetragen hatte. Die ersten Jahre wächst er ohne Erinnerung an seine Mutter oder weitere Familie auf; das erste Ereignis, an das er sich erinnern kann, ist die Ankunft in der Stadtfestung. Was er noch nicht weiß, ist, dass tief in ihm die Gabe der Weitseher-Könige schlummert – eine Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer Menschen und Tiere „einzuhacken“, um diese zu lesen oder gar zu manipulieren. Damit diese Gabe zu ihrer Entfaltung kommt, muss sie hart trainiert werden; doch sie ist auch enorm gefährlich, da sie leicht missbraucht werden kann.

In Friedenszeiten wird eine solche Wunderwaffe nicht gebraucht, doch eines Tages wird klar, dass nicht allzu weit ein Feind lauert: Die Roten Korsaren. Sie waren mit Schiffen unterwegs, überfielen immer mal wieder Dörfer auf dem Festland der Sechs Provinzen, und kidnappten die Bevölkerung. Sie wollten Lösegeld, wenn die Geraubten getötet werden sollten. Ansonsten wurden sie zurückgebracht – als Entfremdete. In diesem Zustand waren die Rückkehrer emotions- und willenlos, agierten wie Roboter, überfielen Reisende, um sich ernähren zu können, und waren ansonsten so gleichgültig allem gegenüber, dass sie nur herumsaßen, bis sie wieder Hunger hatten. Ihre Notdurft verrichteten sie gerade da, wo sie sich zufällig befanden. Angesichts dieser Gefahr sollten die jungen Menschen mit dieser Superwaffe in kürzester Zeit ausgebildet werden, damit sie helfen konnten, die Sechs Provinzen zu beschützen. Doch ob dies gelingt? Das Leben auf dem Hof nimmt inzwischen den normalen Lauf, eine Hochzeit bahnt sich an, Intrigen verdichten sich ob der Gefahr von außen.

Die Lektüre dieses Fantasy-Romans hat mir gut gefallen, insbesondere auch deshalb, weil er viele aktuelle Fragen mit einem neuen Hintergrund erneut aufwirft: Wie gehen wir mit Superwaffen um? Was macht den Menschen aus? Fitz muss viele ethische Fragen klären und sich entscheiden, was er in welchem Fall tun will. Als Leser müssen wir uns diese Fragen auch stellen, und es tut uns gut, diese von einem Fantasy-Roman gestellt zu bekommen. Es ist keine leichte Lektüre, wenngleich mit der Zeit immer fesselnder, als sich die Ereignisse überstürzen und kurzfristige, ungeplante Reaktionen erfordern. Den Einstieg fand ich hingegen eher etwas zäh. Auch muss man sich natürlich fragen, ob die Autorin mit der Handlung im Roman die richtigen Antworten auf die brennenden Fragen zu geben vermag, was ich nicht immer so empfand. Doch alles in allem ist es ein spannender und lesenswerter Roman.

Ich gebe dem Buch vier von fünf Sternen.


Mittwoch, 16. August 2017

Buchtipp: Was nun, Kirche?

Parzany, Ulrich, Was nun, Kirche? Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler, Holzgerlingen, 2017, Verlagslink, Amazon-Link


Vielen Dank an den Hänssler-Verlag für das Rezensionsexemplar.

"Die Krise der Kirchen ist im Kern eine Krise der Verkündigung. Und die Krise der Verkündigung ist dadurch entstanden, dass das Vertrauen in die Autorität der Bibel verschwunden ist. Darüber zu sprechen, scheint in den Kirchen ein Tabu zu sein." (S. 41)

Der Evangelist und evangelische Pfarrer Ulrich Parzany stellt fest, dass zwischen dem Personal der Kirchen und den Gottesdienstbesuchern eine immer größer werdende Kluft besteht. Die Entfremdung nimmt zu, die Gottesdienste werden leerer und weniger besucht. In seinem neuen Buch macht er sich auf die Suche nach den Hintergründen dieser Entfremdung und deckt auf, wie wenig tatsächlich über die eigentlichen Inhalte der Theologie gesprochen wird.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Frage: Wer und was ist die christliche Kirche? Was sind deren Kennzeichen? Was ist ihre (und Gottes) Mission? Parzany kommt zum Schluss, dass weltweit die Feindschaft gegenüber der christlichen Kirche gewachsen ist, und sie gerade dort erweckliche Aufbrüche erlebt, wo der Glaube an Jesus Christus verfolgt wird.

Im zweiten Kapitel geht es um die Frage, woran die evangelischen Kirchen kranken. Anders gesagt: Wo liegt das Problem, warum sie eher schrumpfen, anstatt – wie es ganz natürlich wäre – zu wachsen. Das Zitat, welches ich an den Beginn der Rezension gestellt habe, bringt dieses Problem sehr schön auf den Punkt: Es ist eine Krise der Verkündigung, die durch eine Glaubenskrise entstanden ist – weil zunehmend mehr Prediger Gottes Wort kein Vertrauen mehr entgegenbringen. Sehr treffend bezeichnet Parzany auf S. 49 die Bibelkritik als „Krebsschaden der Kirche“. Er zeichnet die Geschichte der Bibelkritik in wenigen Absätzen nach, und zeigt auf, wie diese die heutige evangelische Kirche nicht nur unterwandert hat, sondern geradezu beherrscht.

An der Stelle möchte ich einen Kritikpunkt am Buch anbringen. Parzany beschreibt sehr vieles korrekt – und doch hat man zuweilen das Gefühl, das Buch sei zu schnell geschrieben worden. Das Unterkapitel ist wunderschön mit „Bibelkritik – der Krebsschaden der Kirche“ überschrieben, doch dann geht der Autor nicht weiter auf dieses treffende Bild ein. Er überlässt es dem Leser, diesen Zusammenhang zu erkennen. So gibt es immer wieder korrekte, aber im Buch nicht ausreichend erklärte, Schlagworte, die es leider seinen Gegnern leicht machen, ihn als polemisch und unbegründet zu diskreditieren. Auch hätte ich mir das vorliegende Kapitel mit der Geschichte der Bibelkritik etwas ausführlicher gewünscht, da es manche – für Kenner der Geschichte natürlich selbstverständliche – Gedankensprünge enthält, die für manche Leser einfach besser begründet werden sollten.

Im weiteren Verlauf dieses Kapitels werden noch mehr Kontroversen angesprochen – wie etwa jene um den interreligiösen Dialog, den stellvertretenden Sühnetod Jesu, die „Ehe für Alle“ und die Taufpraxis. Bei all diesen Themen fasst sich Parzany sehr kurz – vermutlich zu kurz, um jemanden überzeugen zu können, der anderer Meinung ist. Vielleicht ist dies beim vorliegenden Buch aber auch nicht so wichtig.

Das dritte und vierte Kapitel finde ich superspannend. Hier beschreibt der Autor, warum er trotz allem immer noch in der evangelischen Kirche ist. Er versucht, ein „Baugerüst“ zusammen zu stellen, auf das kommende Generationen wieder Gottes Kirche bauen können. Man muss es erst mal selber lesen, denn Parzany ist ein Mann, der keineswegs pessimistisch ist, vielmehr ist er voller Hoffnung für die Zukunft. Und deshalb muss ich zum Schluss noch ein Wort an die zahlreichen Spötter und Kritiker richten, die ihm vorwerfen, die Kirche spalten zu wollen. Nicht Parzany ist es, der die Kirche spaltet, sondern Bibelkritiker spalten die weltweite christliche Kirche, indem sie die Grundlage des Glaubens, nämlich die Bibel als Gottes Wort, verlassen und sich eigene Bibeln basteln. Der Glaube an Jesus Christus, den wir nur aus der Bibel in ihrer Ganzheit haben können, ist es, was alle Christen aller Zeiten und Kulturen miteinander verbindet. Deshalb wünsche ich jedem Gemeindebund einen Ulrich Parzany, der hoffnungsvoll und mit großer Klarheit zu einer neuen Reformation ruft – zu einer Rückkehr zum Jesus Christus der Bibel, die in ihrer Gesamtheit Gottes Wort ist.

Ich gebe dem Buch 4 von 5 Sternen / Punkten


Zusammenfassung: Es ist ein lesenswertes Buch, das sehr viele gute Kritikpunkte enthält und zugleich Mut für eine erneute Reformation macht. Es hätte aber ruhig in manchen Abschnitten ausführlicher und exakter begründet geschrieben werden dürfen. 

Donnerstag, 10. August 2017

Neun Fragen an Herrn Böcking

Foto: Christian Langbehn
Vor einer Weile habe ich das Buch „Ein bisschen Glauben gibt es nicht“ von Daniel Böcking gelesen und rezensiert. Nun habe ich Herrn Böcking neun Fragen gestellt, die nach dem Lesen des Buches noch offen geblieben sind, zum Buch, dem Glauben, seinem Beruf und mehr.


  1. Herr Böcking, Sie berichten in Ihrem Buch, dass die Suche nach einer Gemeinde zunächst von einem Church-Hopping geprägt war. Wie sieht das jetzt aus? Haben Sie da eine feste „Heimat“ gefunden?

Ich bin mir oft nicht ganz sicher, was mit der „Gemeinde“ als Heimat gemeint ist. Ich habe eine Gemeinde gefunden, zu der ich sehr gerne sonntags in den Gottesdienst gehe. Das ist das „Berlin Projekt“. Es gibt aber auch viele Sonntage, an denen ich stattdessen etwas Anderes mit meiner Familie unternehme - zum Beispiel, wenn die Kinder unbedingt schwimmen gehen wollen. Dieses „Gemeinde-Ritual“ ist mir also bis heute nicht so vertraut. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich eine wundervolle Gemeinde im Sinne von „Gemeinschaft mit anderen Christen“ erleben darf, dass ich eine Heimat bei Jesus und im Glauben und im Austausch mit Christen habe. Diese „Gemeinde“ treffe ich mal im Job, mal in Einzelgesprächen, bei gemeinsamen Frühstücken oder sogar online bei Facebook. Es sind also viele unterschiedliche Christen, mit denen ich großartigen Austausch habe. Aber nicht die eine Gemeinde im klassischen Sinne.

  1. Wie würden Sie die Bedeutung der Gemeinde beschreiben? Was macht die Gemeinde so besonders oder wertvoll?

Ich glaube, dass die Gemeinschaft mit Christen ungeheuer wichtig ist. Schon allein deshalb, weil ich immer wahnsinnig viele Fragen habe. Selbstverständlich auch, weil es nicht immer schnurstracks auf dem Weg läuft, weil man Ermutigung braucht – und weil ich es ganz, ganz toll finde, wenn mich zum Beispiel jemand fragt, ob er für mich beten darf. In meinem persönlichen Fall wäre ich nie umgekehrt, hätte es nicht andere Christen gegeben, die mich begleitet haben. Wenn Sie aber danach fragen, ob es DIE EINE Gemeinde geben muss, in der ich mich zuhause fühle: So ist es mir bislang nicht ergangen.

  1. Wie wird das umgekrempelte Leben von Ihrem Umfeld (Familie, Freunde, Beruf) inzwischen gesehen? Stoßen Sie da noch auf Ablehnung? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Ich würde gerne von heroischen Gottesbekenntnissen allen Widerständen zum Trotz berichten. Aber so ist es nicht. Meine Erfahrung ist: Wir Christen halten uns manchmal für sonderbarer, als wir gesehen werden. Ich habe kaum Ablehnung erlebt. Klar, nicht jeder teilt meine Jesus-Begeisterung. Aber eben erst habe ich mit einem älteren Herrn aus Berlin telefoniert und wir sprachen zufällig über den Glauben. Ich erzählte ihm, wie gern ich bete. Und er sagte ganz gelassen: „Wissense, dat muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Spott oder sogar harte Ablehnung habe ich kaum erfahren. Im Gegenteil: sehr viel Unterstützung. Auch von Nicht-Gläubigen, die aber honorierten, dass jemand zu seinem Glauben und zu seinen Werten steht.
  1. Welche praktischen Auswirkungen hat der Glaube auf Ihre beruflichen Tätigkeiten? Gibt es da etwas, was sich geändert hat? Neue Themen? Andere Schwerpunkte? Verzicht auf bestimmte Themen?

Bevor ich öffentlich über den Glauben geschrieben habe, habe ich mir selbst diese Frage nie gestellt, da ich mich sowohl beruflich als auch persönlich als Christ rundum wohl bei BILD fühle. Ich arbeite gerne hier und weiß, wie professionell wir alle uns mit Themen auseinandersetzen und wie schwer wir uns auch oft mit Entscheidungen tun.
Mir ist bewusst, dass man unsere Arbeit kritisiert und auch kritisieren soll und kann. Schließlich sind auch wir keine Kinder von Traurigkeit. Aber bei manchen Vorwürfen mir gegenüber habe ich das Gefühl, dass jemand BILD einfach persönlich ablehnt – was sein gutes Recht ist - und das mit Glaubensargumenten vermischt. Ich habe viele Diskussionen darüber geführt. Am Ende ist stets die innere Gewissheit geblieben, dass es sehr gut und richtig für mich ist, bei BILD zu sein und dass es wunderbar ist, an einem Ort zu arbeiten, der solche Diskussionen zulässt und mir die Freiheit schenkt, auch öffentlich darüber zu sprechen. Ein Sprichwort, das ich sehr mag, sagt: „Wo Gott dich hingesät hat, da sollst du blühen.“

  1. Sie sind ja täglich mit den Online-Medien beschäftigt. Was würden Sie der jungen Generation, die jetzt damit aufwächst, mitgeben, wie ein gesunder, sinnvoller Umgang damit (auch gerade vom christlichen Standpunkt aus gesehen) aussehen könnte?

Mir gefiel stets der Ratschlag: Zeig/schreib/poste nur das, was auch deine Mutter und dein Chef oder Lehrer sehen kann. Mein Ratschlag wäre eher für die ältere Generation: Seht euch das genau an – auch digital gibt es lebendige Christengemeinschaft. Mir begegnen inzwischen immer häufiger Christen zum Beispiel auf Facebook, die ihren ganz privaten ‚Gottesdienst’ von ihrem Sofa live ins Internet übertragen. Da gucken dann mal 50, mal 100 andere zu und kommentieren. Das wirkt erstmal etwas schräg – aber mich freut es jedes Mal, weil es zeigt, wie groß die Möglichkeiten im Netz sind. Anderes Beispiel: Ich habe diverse Gemeinde-Podcasts abonniert und höre mir deren Predigten beim Joggen an. Ist doch wundervoll, wie leicht es ist, geistlich aufzutanken dank der Digitalisierung.

  1. Was wäre Ihre Empfehlung an junge Menschen, die selbst im Journalismus arbeiten wollen, welche Gewohnheiten machen einen guten Journalisten aus, und wie können diese geübt werden?

Neugier ist da natürlich eine der wichtigsten Tugenden. Ansonsten gibt es kaum noch einen klassischen Weg in den Journalismus. Früher war es: Freie Mitarbeit, Volontariat, evtl vorher noch ein Studium. Heute gibt es so viele unterschiedliche Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen, dass jemand, der wunderschöne Grafiken auf Facebook postet, von uns vielleicht mit Kusshand genommen wird – auch wenn er vorher noch nie journalistisch gearbeitet hat. Das können wir ihm ja noch beibringen. Das ist eine der großen Veränderungen: ALLE Disziplinen im digitalen Journalismus kann man kaum noch beherrschen. Deswegen ist es total sinnvoll, viel auszuprobieren – und sich dann zu spezialisieren.

  1. Wo sehen Sie in Ihrem persönlichen Leben gerade Punkte, an denen Sie am Lernen sind oder neue Schritte gehen?

Ich lerne von morgens bis abends dazu. Das ist mir wichtig zu betonen: Ich weiß, dass ich ein Buch schreiben durfte und Interviews geben darf, weil die Mischung aus „Christ“ und meinem Job offenbar ganz interessant ist. Nicht, weil ich besonderes Wissen oder irgendwelche neuen Erkenntnisse hätte. Deshalb ist es mein voller Ernst, wenn ich sage, dass ich in Dauer-Lern-Schleife bin. Ich entdecke jeden Tag etwas Neues. Ich muss lernen, dass die Jesus-Begeisterung auch mal abflaut. Dass ich mich auch mal anstrengen muss, damit die Beziehung zu ihm so wach und lebendig bleibt. Aktuell frage ich mich oft, wie denn sein Masterplan für mich aussieht. Dann komm ich ins Grübeln. Neulich stolperte ich in so einem Moment wieder über einen meiner Lieblingsverse: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird euch das alles zufallen.“ Das hat mich dann wieder ruhig gestimmt und mir einen Fokus gegeben.
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  1. Sie berichten von der Flüchtlingsarbeit in Berlin. Wie sieht die Lage derzeit aus? Wo gibt es noch Handlungsbedarf, falls ein Leser sich da auch noch beteiligen möchte?

Wenn jemand helfen möchte, dann sollte er sich am besten zum Beispiel an die Caritas wenden und eine ehrenamtliche Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übernehmen. Da wird händeringend gesucht. Vermutlich gibt es noch viele Möglichkeiten zu helfen. Aber hier weiß ich, dass der Bedarf groß ist und den Geflüchteten wirklich etwas bringt.

  1. Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, was möglichst jeder hören und lesen soll?

Ich habe eh schon viel zu lang geantwortet. Ich hoffe einfach, dass noch viele Menschen dieselbe Entdeckung machen, die ich machen durfte: Wie wundervoll, vernünftig, einladend, rettend und begeisternd der Glaube an Jesus Christus ist. Viel zu oft verbinden Menschen mit dem Glauben etwas Hartes, Unsympathisches. Ich habe ihn als genau das Gegenteil kennengelernt. Als Liebe pur.

Vielen Dank für die Antworten!

Mittwoch, 2. August 2017

Zum Reformationsjahr #1: Was machen wir mit Martin Luther?

Von der Lutherphobie bis zur Lutherphilie finden sich in der medialen Welt viele Extreme, wie mit dem Leben und Werk Martin Luthers umgegangen wird. Besonders das Reformationsjahr und die ganze Lutherdekade bietet viel Stoff und viel Gelegenheit, um den Reformator für alle möglichen und unmöglichen Zwecke zu vereinnahmen. Es ließe sich bestimmt eine ganze Menge grüner Energie produzieren durch die Drehbewegung, die Luther machen müsste, wenn er sich noch im Grabe befände, ob all des Unsinns, der heutzutage über ihn oder in seinem Namen verbreitet wird. Aber wie kann man objektiv und unaufgeregt mit dem umgehen, was Luther gesagt und geschrieben hat?

1. Context is King!
Wenn man Luthers Werk ansieht, wird man von der Menge schier erschlagen. Die größte Gesamtausgabe seiner Werke umfasst 127 Bände, die sogenannte Weimarer Ausgabe. Ebenso viele Jahre hat die Fertigstellung dieser umfassenden Ausgabe in Anspruch genommen. Sein Leben war von vielen Kontroversen geprägt, wodurch er sich nach allen Seiten hin gegen eine fälschliche Vereinnahmung wehren musste. Gegen die Papisten Roms, die ihn zurück in den Mutterschoß der Kirche führen wollten, gegen den Humanisten Erasmus von Rotterdam, gegen die Vertreter der Bauernaufstände, die mit der christlichen Freiheit argumentierten, um ihr gewalttätiges Treiben gegen die Grundbesitzer zu rechtfertigen, gegen die sogenannten „Schwärmer“, die schon eine Art frühe Vertreter der Bibelkritiker waren, oder auch gegen andere Reformatoren wie Huldrych Zwingli, dessen Verständnis vom Abendmahl Luther zu symbolisch war. Hier wird jeder irgendwo Sätze finden, denen er – aus dem Kontext gerissen – zustimmen kann. Deshalb ist es enorm wichtig, immer genau darauf zu achten, wann, an wen und unter welchen Umständen was geschrieben wurde. Es ist deshalb auch schwierig, Luther späte Veränderungen seines Charakters oder seiner Ansichten unterzuschieben. Wer sich etwa mit der frühen Römerbrief-Vorlesung von 1515 – 1516 befasst, wird erstaunt, wie sehr Luther dann schon Reformator ist.

2. Semper reformanda!
Einer der Grundsätze der Reformation ist, dass die Kirche oder Gemeinde ständig erneut reformiert werden muss. Dabei bedeutet „reformieren“ immer: Zurückbringen zur Bibel als Gottes Wort! Zurück zu den Quellen! Dass alle menschlichen Aussagen und Bekenntnisse Stückwerk sind und deshalb auch immer neu an der Schrift gemessen werden müssen, ist dem Reformator nur allzu sehr klar. Doch er weiß: Der Mensch braucht zwingend den festen Boden der Heiligen Schrift, der ganzen Bibel, weil er sonst dazu verdammt ist, sich selbst und den jeweiligen Zeitgeist zum Prüfstein zu machen. Wie das herauskommt, zeigt die Geschichte des 3. Reiches mit den „Deutschen Christen“ nur allzu gut. Davor schützt einzig und allein das Ernstnehmen der Offenbarung Gottes in der gesamten Bibel. Diese muss nicht herausgearbeitet werden, sondern ist in jedem Buch, jedem Satz, jedem Wort und jedem Buchstaben der Bibel zu finden. Wir müssen deshalb keineswegs in allem mit Martin Luther einverstanden sein. Die Frage ist einzig: Was sagt Gottes Wort, die Bibel, dazu? Luther würde selbst auch gar nicht wollen, dass wir seine Worte zur „norma normans“ machen, also zum Maßstab, um daran die Wahrheit zu messen. Er sagt nur: In allem, worin Ihr mich überzeugen wollt, gilt allein die Heilige Schrift, und diese, indem sie sich selbst auslegt.

3. Dankbarkeit!
Nicht zuletzt dürfen wir einfach dankbar sein. Dankbar für Martin Luther, der standhaft blieb und sich von Gott gebrauchen ließ. Mit allen Ecken und Kanten. Mit allem, was er in seinem Leben erlebt und erreicht hat. Und ich möchte auch hinzufügen: Dankbar, dass er nicht perfekt war. Denn das macht Hoffnung. Es macht Hoffnung, dass Gott auch weitere unperfekte Gefäße gebrauchen kann und will. Es macht Hoffnung, dass wir nicht erst ewig warten müssen, bis ein zweiter Martin Luther geboren wird. Egal wie dunkel die Zeit erscheinen mag, Gott hat Menschen vorbereitet, die Seine Botschaft treu weitergeben. Unter allen Umständen und zu jedem Preis.


Mittwoch, 26. Juli 2017

Warum ich die klassischen „alten“ Romane genieße

Gerade lese ich unter anderem den Roman „Middlemarch“ von George Eliot. Auch einzelne Romane der Geschwister Bronte („Sturmhöhe“ von Emily und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte) oder manche Romane von Jane Austen, oder von den russischen Schriftstellern Dostojewski und Tolstoi haben meine vergangenen Lesemonate bereichert. Heute möchte ich meine wichtigsten Gründe aufzählen, weshalb ich diese Romane ganz besonders genieße – im Vergleich zu den meisten zeitgenössischen Romanautoren.

1. weil es ganz einfach Klassiker sind.
Ein Buch wird nicht einfach ohne Grund zu einem Klassiker. Klassiker – auch wenn über deren genaue Definition gestritten wird – sind Bücher, welche über Generationen und verschiedene Kulturen hinweg Bestseller sind. Klassiker haben den Test der Zeit bestanden und sind daher zeitlos, obgleich sie natürlich einer Zeit und Kultur entstammen. Die Zeit ist ein guter Richter über Bücher: Nur das Beste vom Besten behält den Platz unter den Bestsellern, während viel Neues das weniger Gute verdrängt und seinerseits wieder dem Test der Zeit unterworfen werden.

2. weil sie wie Zeitreisen sind.
Gut, das könnte man von jedem älteren Buch sagen. Aber da ich nicht die Zeit habe, um jedes davon zu lesen, beschränke ich mich gerne vorerst mal auf die Besten der Besten aller Zeiten. Beim Lesen der Klassiker fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt und lerne über meinen beschränkten Horizont des 21. Jahrhunderts hinauszuschauen. Ich lerne typische Charaktere, Gewohnheiten, Einschränkungen und Vorteile anderer Zeitalter kennen. Mit den Klassikern brauche ich zumindest für die Vergangenheit keine Zeitmaschine.

3. weil Helden und Tugenden statt Opfermentalität zählen.
Unsere Zeit hat Angst vor Helden mit eisernen Grundsätzen und kompromisslosem Handeln. Deshalb ist die Literatur unserer Zeit voll langweiliger Antihelden geworden, die letztendlich mit ihrer Opfermentalität punkten wollen. Nicht die Tugend zählt mehr, nicht der Charakter, sondern die Geschichte, die den Einzelnen zum Opfer macht. Da sind mir die älteren Klassiker viel sympathischer und auch für das heutige Leben viel lehrreicher und positiver.

4. weil sie unterschwellig oft voll von bissigem Sarkasmus und Satire sind.
Heutige Satire ist meist so offensichtlich und klar erkennbar; in den Klassikern muss man erst danach suchen und wird dafür dann umso mehr belohnt. Jane Austen etwa ist eine Meisterin den unterschwelligen Sarkasmus und einer satirischen Schreibweise. Im wohl bekanntesten Roman „Stolz und Vorurteil“ wird die damalige Erwartung, welche die Gesellschaft an Frauen und deren Haltung zur Ehe hatte, aufs Korn genommen. Jede Frau, so erwartete es die Gesellschaft, will nur möglichst reich heiraten, um finanziell abgesichert zu sein. Für Männer hingegen zähle einzig der Schein, wie sie von der Umwelt wahrgenommen werden.

5. weil sie oft enorm bibelgetränkt sind.
Mich hat schon oft erstaunt, wie viel von der Bibel und vom Glauben in diesen Klassikern vorkommt – und nicht mal unbedingt immer so positiv, aber wirklich häufig. Manche arbeiten sich am Glauben ihrer Zeit ab, wie etwa bei George Eliot, andere wie Dostojewski hingegen sehr positiv. Austen hatte ein gemischtes Gefühl dem Glauben gegenüber, was sich auch in ihren Romanen niederschlug. Aber alle entstammen Zeiten, Orten, Kulturen und Gesellschaftsschichten, die vom christlichen Glauben geprägt sind, und das merkt man.


Samstag, 22. Juli 2017

Das habe ich nur als Mutter gemeint!

Ein kurzes Gespräch im Roman „Middlemarch“ von George Eliot beschreibt ein typisches Phänomen, das wir auch heute oft beobachten können. Es geht um Dr. Lydgate, den frisch zugezogenen, in dem Sinne fremden, Arzt, der laut Gerüchten kurz davor stehen soll, die Rosamonde zu heiraten (was sich später dann auch bewahrheitet). Hier ein Auszug aus der brodelnden Gerüchteküche:

Not but what I am truly thankful for Ned’s sake,” said Mrs. Plymdale. “He could certainly better afford to keep such a wife than some people can; but I should wish him to look elsewhere. Still a mother has anxieties, and some young men would take to a bad life in consequence. Besides, if I was obliged to speak, I should say I was not fond of strangers coming into a town.” “I don’t know, Selina,” said Mrs. Bulstrode, with a little emphasis in her turn. “Mr. Bulstrode was a stranger here at one time. Abraham and Moses were strangers in the land, and we are told to entertain strangers. And especially,” she added, after a slight pause, “when they are unexceptionable.” “I was not speaking in a religious sense, Harriet. I spoke as a mother.” (Kindle-Position 5267 – 5271)

Auch heute findet man oft, dass zwischen dem, was dem christlichen Glauben entspricht und dem, was Menschen diesen Bekenntnisses tatsächlich tun, eine tiefe Kluft. So, als wollte man sagen: Das habe ich nicht im Sinne des Glaubens gemeint, das habe ich nur als Weltmensch gemeint!


Samstag, 15. Juli 2017

Buchtipp: Die Honigfabrik

Tautz, Jürgen, Steen, Diedrich, Die Honigfabrik, Gütersloher Verlagshaus, 2017, Amazon-Link, Verlagslink

Vielen Dank an das Gütersloher Verlagshaus für das Rezensionsexemplar des Buches. Jürgen Tautz ist seit vielen Jahren ein bekannter Forscher und Autor über die Honigbiene und die Imkerei. Spätestens seit dem Buch „Phänomen Honigbiene“ wird er von vielen Lesern geschätzt. Da mich die Biene schon seit Langem sehr interessiert, und ich zudem gerne Honig esse, war ich auf das neue Buch von ihm gespannt.

Die Gestaltung des Buches lässt das Herz eines echten Bücherfreundes höher schlagen: Ein originell gestalteter Schutzumschlag, dazu ein farblich abgestimmtes Lesebändchen, das ein Buchzeichen überflüssig macht, stabiles Papier, eine gut lesbare Schrift in einer angenehmen Größe, immer wieder Schwarz-Weiß-Grafiken im Text, und das Ganze mit einer kleinen aber feinen Sammlung von wichtigen Farbbildern am Schluss abgerundet.

Die Wunderwelt der Bienen – eine Betriebsbesichtigung“, so lautet der Untertitel des Buches. Es ist ein Rundgang in mehrfacher Hinsicht: Ein Rundgang durch die Honigfabrik, ein Rundgang durch das Bienenjahr, und nicht zuletzt auch ein Rundgang durch die bisherige Forschung, die dieses spannende Lebewesen „die Biene“, aber auch den „Superorganismus Bien“, also das Bienenvolk als Ganzes, betrifft. So liest man – immer wieder sehr humorvoll und leicht lesbar – etwa vom „Rudelkuscheln in der Kiste“, „Callboys für die Königin“ oder „Zickenterror mit Todesfolge“.

Bienen lassen sich relativ leicht auf bestimmte Muster „trainieren“, d.h. sie werden hinter einem Muster mit Zuckerwasser belohnt, während sie hinter dem anderen Muster leer ausgehen. Höchst spannend ist ein Versuch, bei welchem Bienen zwischen einem Bild von Monet und einem von Picasso unterscheiden lernen mussten. Beim Austausch von Bildern durch andere derselben Maler und derselben Kunstrichtungen hat eine Mehrzahl von Bienen die Struktur hinter den Bildern schnell erkannt (vgl. S. 122f).

Bienen sind gleichzeitig zwei Arten von Organismen: Jede Biene funktioniert für sich selbst und kann selbständig eine Menge Aufgaben erledigen, und doch kann jede nur in der Gesamtheit ihres Volkes überleben. Bienen müssen einander wärmen, sobald es kälter wird. Tautz schreibt: „Bienen sind besonders kälteempfindliche Insekten. Eine einzelne Biene wird bei einer Temperatur von etwa plus 10 Grad Celsius bewegungsunfähig und stirbt bei etwa plus 4 Grad Celsius. Hängt man allerdings eine ganze Bienenkolonie in eine Kühlkammer, geht es dem Volk bis zu Temperaturen von minus 40 Grad Celsius und darunter sehr gut.“ (S. 42)

Für mich als Theologen ergeben sich daraus natürlich zwangsläufig Analogien zur Gemeinde, in welcher es zwar nicht ums „Rudelkuscheln“ wie im Bienenvolk geht, aber doch jeder Einzelne für den „Superorganismus Gemeinde“ und für die Gesundheit der Lehre jedes einzelnen anderen mitverantwortlich ist. Wo diese Verantwortlichkeit nicht gelebt wird, kommt es immer wieder zur faulbrutartigen Verbreitung von Irrlehren und anderen schweren Irrtümern, an welchen auch häufig ganze Gemeinden zugrunde gehen. Wo die Nähe zu einer gesunden, „wärmespendenden“ Gemeinde fehlt, erkaltet auch sehr schnell das gesamte Fundament des Glaubens.

Für wen eignet sich das Buch? Bei dieser Frage, so empfinde ich es zumindest, kommt eine kleine Schwäche des Buches zum Vorschein. Es ist ein Buch (frei nach F. Nietzsche) „für alle und niemand“, allerdings im umgekehrten Sinne als es Nietzsche dazumal verstanden haben wollte. Die Honigfabrik ist für jeden verständlich, doch fällt mir keine Lesergruppe ein, von der ich sagen kann: Die muss es gelesen haben, für diese ist es ein „Must-Read“. Es eignet sich für alle, die gerne mehr über die Bienen erfahren. Ein Imker wird relativ wenig wirklich Neues erfahren (für mich als interessierter Laie und Nichtimker war die Sache mit Monet und Picasso so ziemlich das Einzige, was ich tatsächlich noch nicht wusste). Es eignet sich aber für jeden Imker, der sein Wissen um den Bien gerne von einer neuen, humorvollen und auf den Punkt gebrachten Sichtweise und in verständliche Sprache gekleidete Art und Weise betrachten möchte. Es lohnt sich auch für den Imker, dieses Buch seinen Kunden weiterzuempfehlen, welche sich für den Honig und die Bienen interessieren. Und nicht zuletzt möchte ich es jedem ans Herz legen, der gerne über die wunderbare Schöpfung Gottes staunt. Wir können von den Bienen sehr viel lernen und die Autoren haben ein Werk vorgelegt, in welchem für alle Leser verständlich ein äußerst spannender Bereich dieser Schöpfung vermittelt wird. Zwei Dinge hat das Buch besonders in mir ausgelöst: Nun habe ich Tautzens Buch „Phänomen Honigbiene“ endgültig auf meine „To-Read“-Liste gesetzt, und zudem eine Vorfreude für die nächste Gelegenheit bei befreundeten Imkern mal wieder mitzuhelfen bekommen.

Ich gebe dem Buch 5 von 5 möglichen Sternen.


Sonntag, 9. Juli 2017

Gepredigt: Christsein im säkularen Zeitalter

Ausgehend von Esther 4, 12 - 17 habe ich einige Parallelen zu unserer Zeit gezogen und komme zu einigen Anmerkungen für unsere Zeit: 

"Wenn unsere Zeit immer säkularer wird, müssen wir uns fragen: Was können wir von Esther lernen, um in dieser Zeit zu leben? Es ist eine Zeit, in welcher christliche oder biblische Werte immer weniger eine Rolle spielen. Das war zur Zeit Esthers nicht anders. Das Gefühl von König Xerxes, seine momentane Befindlichkeit, gab den Ton an. Esther reagierte darauf nicht mit dem Ruf nach christlichen Werten. Sie reagierte mit dem Verstand, indem sie dem König darlegte, wie es um ihr Volk stand. Sie ging auf den König ein.
Unser Problem ist, dass wir uns auf den christlichen Werten ausgeruht haben, während das Fundament der christlichen Werte, die Bibel, immer weiter ins Abseits gerutscht ist. Wir sind alle davon überzeugt, dass die christlichen Werte ein Segen für alle Menschen sind, keine Frage. Aber wir haben uns auf dem ausgeruht was frühere Generationen für uns getan haben, indem sie die biblischen Werte im Grundgesetz verankert haben, und haben es versäumt, den nächsten Generationen klarzumachen, warum diese biblischen Werte für alle ein Segen sind. Wir haben das für selbstverständlich gehalten und nicht vernünftig begründet – und jetzt regen wir uns darüber auf, dass sich eine Mehrheit findet, die dem widerspricht und andere Werte haben möchte. Wir regen uns auf, dass sich Menschen von den biblischen Werten diskriminiert fühlen, während viele aus unseren christlichen Reihen tatsächlich andere Menschen diskriminiert, beleidigt, ausgegrenzt haben. Es ist an der Zeit, dass wir darüber Buße tun und Gott um Hilfe bitten, diese Menschen erreichen zu können, ihre Herzen erreichen zu können, sie persönlich annehmen und verstehen und lieben zu lernen, ohne mit der Wahrheit Kompromisse einzugehen.
Es ist an der Zeit, dass wir lernen, die biblischen Werte als Segen für alle Menschen zu begründen, bevor wir diese Werte einfach einfordern mit einem „so ist es halt, Gott hat das so gesagt, aus und fertig, und amen dazu“.
Es ist auch Zeit, dass wir lernen, dass Gott uns genau in diese Zeit hinein gestellt hat, damit wir zum Segen für diese Menschen werden können, die Ihn brauchen, die sich nach Gottes Liebe sehnen, ohne zu wissen, was ihnen tatsächlich fehlt. Jesus hat mit den Menschen Zeit verbracht, die sich von den übrigen Menschen ausgestoßen, verachtet, alleingelassen fühlten, und ging genau zu ihnen, um sie zu lieben und für sie da zu sein. Er ist für alle Sünder gestorben, die Ihn brauchen, und unter diesen sind wir ebenso zu finden. Der Unterschied ist nur, dass es gerechtfertigte Sünder gibt, nämlich jene, welche Gottes Vergebung annehmen, und andere, welche ihre Last und Schuld selber tragen wollen.
Und es ist auch an der Zeit, dass wir endlich unser Privileg kapieren, das wir mit dem Gebet haben. Ein Mensch ohne Gott kann nur alle vier Jahre Einfluss auf die Politik ausüben, indem er wählen geht. Der Christ darf jeden Tag für die Regierung beten, wie Paulus schreibt: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen Bitten, Gebete, Fürbitten und Danksagungen darbringe für alle Menschen, für Könige und alle, die in hoher Stellung sind, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit; denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst als Lösegeld für alle gegeben hat. (1Tim. 2, 1-6)

Esther, Mordechai und die Juden der Stadt Susa fasteten und beteten zusammen, und dann ging Esther hin, und nahm allen Mut zusammen, sie wusste, dass es ihr Leben kosten kann, aber sie ging hin und redete mit dem unberechenbaren König, sie tat Gottes Willen, sie war gehorsam, auch unter Lebensgefahr. Als Christen wissen wir nicht, wie sich unsere Zeit weiter entwickeln wird, wir wissen nur, dass es mit dem Tod nicht zu Ende ist; und wir wissen auch, dass gerade die Todesgefahr für Christen oft zu Zeiten großer Erweckungen geführt hat. Unser Auftrag ist es, Gott zu gehorchen, die Menschen zu lieben, und Tag für Tag unseren Teil zu tun, damit alle Gottes Größe sehen können."

Mittwoch, 5. Juli 2017

Gastbeitrag: Eine kurze Reise nach Mittelerde

Nachdem ich vor einiger Zeit einige Freunde angefragt hatte, ob sie mir ein paar Fragen zum „Herr der Ringe“ beantworten würden, hat Hanniel dazu frei einen Text formuliert. Vielen Dank für den Gastbeitrag, Hanniel!

Eine kurze Reise nach Mittelerde
geschrieben unterwegs

Was soll man zum Klassiker „Herr der Ringe“ noch schreiben? Es gibt wenig, dass nicht gesagt worden wäre. Humphrey Carpenter legte die Biografie (J. R. R. Tolkien: A Biography) vor und editierte sein Briefwerk (The Letters of J. R. R. Tolkien). Lewis- und Tolkien-Forscher Duriez zeichnete u. a. die Geschichte der Freundschaft mit Lewis nach (Tolkien und C. S. Lewis - Das Geschenk der Freundschaft) und verfasste einen kompetenten Führer in die Welt von Mittelerde (A Guide to Middle Earth: Tolkien and The Lord of the Rings). Peter Kreeft handelte systematisch 50 Bereiche der dahinter liegenden Weltanschauung ab (The Philosophy of Tolkien: The Worldview Behind the Lord of the Rings). Louis Markos verfolgte die Spur der Tugendethik (On the Shoulders of Hobbits: The Road to Virtue with Tolkien and Lewis). Womit schon gesagt wäre, dass ich mit Sekundärliteratur gut versorgt auf die Reise nach Mittelerde startete.

Vielleicht könnte ein Blick in die leuchtenden Gesichter meiner Söhne – deren Zahl ist fünf – mehr sagen als alles andere. Dass mein Achtjähriger nach dem „Silmarillion“ (der von Christopher Tolkien definitiv zusammengestellten Sammlung der Geschichten aus dem ersten Zeitalter von Mittelerde) verlangte, erstaunte mich nicht. Für die Lektüre von „Herr der Ringe“ behalfen sie sich mit Hörbuch, bemächtigten sich der beiden roten Ausgaben von „Der Herr der Ringe“ (ich stockte infolge Interesse auf) und nahmen auf die Bahnfahrten ihren E-Reader mit, um dranzubleiben. Fragte ich in die Runde, was sie denn an dieser Welt faszinierte, kamen präzise Antworten in Form von einzelnen Szenen und vor allem Charakterbeschreibungen. Das heisst, sie konnten sich in die einzelnen Figuren und Szenen ein-fühlen, mitleiden und – was wirklich nicht selbstverständlich ist – auch wieder auf Selbstdistanzierung gehen und sagte, was sie bewunderten und was sie erschauern liess.

Ich nehme Sie mit in einige Impressionen meinerseits. Wenn man den Text auf den Begriff „Baum“ durchsucht, dann spuckt die Suchmaschine knapp 500 Stellen heraus. Es handelt sich nicht um endlos wiederholende Naturbeschreibungen im Stile Karl Mays, sondern um ein besorgtes Mit-Atmen mit den grünen Teilen der Erde. Tolkien bedauerte die Industrialisierung und Technisierung, die mit dem Verlust von vielen Grünflächen – u. a. seiner eigenen Jugend – Hand in Hand ging, zutiefst. Bäume haben in Mittelerde ein Eigenleben. Den Baumhirten (Ents) kommt in der Erzählung gar eine Heldenrolle zu. Die Baumszenen fand ich also richtig zum Eintauchen und Durchatmen.

Gehen wir zum Gegenteil des Durchatmens: Zum Bedrückenden. Auch hierin mag Tolkien voll zu überzeugen. Der schwer gehende Atem, die dunklen schweren Wolken, die Enge, die einem ans Herz greift: Die auf die Machenschaften Saurons zurückführenden Ereignisse und Manöver liessen auch mein Herz mit einem leisen Druck belegen. Das Auge, das dich (fast) immer sieht, dein Unheil will, und dessen Späher überall auftauchen, die Reiter schnell, die Schläge, die in der Regel tödlich sind, zeigen auf, was ich als Christ im Kopf schon weiss, mir aber viel zu wenig bewusst bin: Die Realität der unsichtbaren Welt und der Kampf des Fürsten der Finsternis gegen Den, der das Licht geschaffen hat und Menschen zum zweiten Mal neues Licht bringt.

Wie schon „Der Hobbit“ liest sich der Herr der Ringe als Reiseerzählung. Er reiht sich damit in die vielen Klassiker seit Homers „Odysseus“ oder der „Pilgerreise“ von Bunyan ein. Sie entspricht dem Charakter unseres Lebens: Wir leben immer in der Gegenwart und setzen einen Schritt vor den anderen. Gleichzeitig prägen Erinnerungen und Gewohnheiten unseres bisherigen Weges unser Denken und Handeln. Wir blicken auch in die Zukunft und nehmen sie vorweg. Wir hoffen und verzagen gleicherweise. Die Parallelwelt von Mittelerde lässt uns bewusster auf die vertrackte, an manchen Stellen unübersichtliche, von vielen Einzelsträngen durchzogene Lebensreise werfen: Den Start, die ersten Strapazen, unerwartete Lichtblicke, ersehnte Zwischenhalte, in Erinnerung bleibende Feste, Freundschaften und Verrat derselben, Etappen der Krankheit und des Verlustes. Bleibend sind einzelne Begegnungen, die Überraschungen und Enttäuschungen in sich bergen.

Lasst mich hier einhängen – bei den Begegnungen. Tolkien hat, geschickt wie kein Zweiter, mannigfaltige Charakteren eingebaut. Man mag kaum mit einer Person gänzlich mitgehen. Am ehesten vielleicht noch mit Sam, dem treuen Freund. Aragorn heischt Bewunderung. Mit Frodo leiden wir mit. Gandalf taucht zeitig zu Unzeiten auf. Doch keine Figur ist vollkommen. Die Grundspannung zwischen dunklen Kräften und edlem Mut bleibt. Es gibt zahlreiche Tugenden, die uns das Buch so treffend darstellt: Natürlich den hohen Wert der Freundschaft. Alleine kommt letztlich niemand ans Ziel. Tapferkeit ist gefragt, oft auch überraschend für die Person selbst, oder nach Momenten der kompletten Verzagtheit. Uneigennützigkeit kontrastiert mit Begierde und Eigennutz. Das beherzte Zugreifen folgt Strecken der minimalen Versorgung. Körperliche Ausdauer und Widerstandsfähigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung rücken ins Zentrum. Nicht im (post)modernen Sinne, als ob unser Körper das Zentrum der Welt wäre. Doch eine gesunde Körperwahrnehmung und das Spüren der eigenen körperlichen und psychischen Grenzen gehören in eine gesunde Lebensschule. Wie kommt sie zu kurz in unserem Zeitalter der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung!

Etwas hätte ich fast vergessen. Es gibt Schätze, für die es sich zu leben und zu sterben lohnt. Die einen Schätze muss die Freundestruppe loswerden. Der Ring, vom Feinde heiss begehrt, gehört ins Feuer der Vernichtung. Nicht mehr der Goldschatz der Hobbits, sondern die Rückführung der gefährlichen Begierden ist gefragt. Auffällig ist die Anfälligkeit der Ringträger. Sie widerstehen kaum der drückenden Last, ebenso wenig dem gedanklichen Sog, den der Ring entwickelt. Hohe Opfer, ja der Tod, wird eingefordert und bezahlt. Überhaupt ist dies meinen Söhnen aufgefallen: Der Weg zum Schicksalsberg ist ein Weg der Kämpfe, der Schlachten und der Opfer. Zu meiner Frau meinten sie: „Wenn du das liest, musst du dich auf viele grauenvolle Szenen vorbereiten.“ Damit meinten sie nicht abscheuliche Szenen der zeitgenössischen Bildgebung, die dazu aufgebaut werden, um die Bildsüchtigen in ihren Bann zu ziehen. Vielmehr geht es um heimtückische Überfälle und tapfere Abwehr von Mann zu Mann. Einzelne Helden exponieren sich. Es wird mit Schwert, Lanze und Bogen gekämpft, nicht mit ferngesteuerten Raketen.

Vieles in dieser Welt entspricht einem christlichen Weltbild und steht damit dem Bild unserer Zeit entgegen: Ja, es gibt zwei Mächte, die einander bekämpfen, jedoch nie in einer Gleichwertigkeit bzw. Gleichrangigkeit. Ja, es gibt persönliche Tugenden und ihr Gegenteil: Die Laster. Unser Leben ist eine Reise, die unabänderlich auf ein Ziel angelegt ist. Ohne Hilfe von aussen würden wir es nie erreichen. Freundschaft ist ein teures Gut. Unsere Feinde sind real. Es will wohl überlegt sein, welche Nahrung wir zu uns nehmen. Unsere Kräfte sind begrenzt. Tolkien sprach von einem vor-christlichen Universum. Er, der die Welt der nordischen Mythen wie seine Hosentaschen kannte und seine Sprachen beherrschte, sah ab von einer eintönigen Kopie (wie sein Weggefährte C. S. Lewis übrigens auch).

Die Reise nach Mittelerde prägt mich, weil sie mir einen geschärften Blick auf die von Gott geschaffene Wirklichkeit zur Verfügung stellt. Sie lässt mich in eine neue Art von Dialog mit meinen Söhnen treten. Denn Mittelerde vermittelt Bilder und Bewertungen, die wir gemeinsam teilen können.