Freitag, 20. Januar 2017

Zweifel sind eine Chance

Wie gehen wir damit um, wenn wir beginnen, zu zweifeln? Was, wenn plötzlich unser ganzer Glaube in Frage gestellt wird? Was, wenn Menschen, die uns wichtig sind, auf einmal mit ganz vielen Fragen und Zweifeln ankommen? Oder was, wenn wir in einem Gespräch mit einem Menschen mit einer anderen Weltanschauung Fragen gestellt bekommen, auf die wir nicht sofort eine Antwort haben? Ist das ein Grund zur Sorge? Nein, ist es nicht. Zweifel sind eine Chance – aber wie jede Chance wollen sie genutzt werden. Zumeist werden die falschen Weichen gestellt. Ich möchte drei falsche Wege aufzeigen, und am Schluss den vierten, der nicht der einfachste ist, aber sich wirklich lohnt.

1. Ablehnung und Verdrängung
Zweifel sind vom Teufel“, so hört man noch von Zeit zu Zeit. Allerdings ist diese Redensart schon deutlich seltener anzutreffen wie in früheren Zeiten. Die Folge davon ist, dass manche Menschen Angst vor Zweifeln haben und sie versuchen zu verdrängen. Man trifft ab und zu auf ganz subtile Verdrängungsmechanismen, die zum Beispiel so lauten: „Zum Glück ist der Glaube für mich keine Kopfsache. Da muss ich mir keine Gedanken machen.“ Oder es wird zu einem Relativismus gegriffen: „Jeder kann glauben, was er will.“ Das ist ja an sich nicht falsch, aber es führt doch immer wieder dorthin, dass Menschen nicht bereit sind, über den Glauben nachzudenken. Andere Menschen verzweifeln daran, dass der Glaube angeblich nichts für den Kopf sei. Fakt ist: Der Glaube ist fürs ganze Leben. Unser ganzes Denken, Fühlen, Wollen, Reden und Tun will von ihm bestimmt sein.

2. Resignation
Eine heute häufig verbreitete Reaktion auf Zweifel ist Resignation. Zweifel gehörten zum Glauben dazu, sonst würde es ja nicht Glaube sondern Wissen heißen, so wird dann da oft argumentiert. Also wolle man nicht sicherer sein als nötig, sondern sich irgendwie mit den Zweifeln arrangieren. Doch diese ganze Argumentation ist falsch, weil sie von einer falschen Definition des Glaubens ausgeht. Biblischer Glaube bedeutet, jemandem oder etwas zu vertrauen, wenn man dafür gute Hinweise aber nicht unbedingt Beweise hat, und entsprechend danach handelt. Wenn ich ins Flugzeug steige, gibt es keinen Beweis dafür, dass dieses eine Flugzeug nicht entführt und in einen Wolkenkratzer geflogen wird. Trotzdem vertrauen wir darauf. Wir lesen Gottes Wort und finden, dass die Dinge, die darin beschrieben sind, zuverlässig sind. Deshalb vertrauen wir Gott, dass Er unsere Erlösung voll und ganz vollbracht hat.

3. Vergötzung der Zweifel
Die dritte falsche Reaktion geht noch einen Schritt weiter und Vertreter dieser Reaktion meinen, es sei sogar gesund, Zweifel zu haben und vielmehr noch, sie sorgsam zu pflegen und zu kultivieren. Hinter dieser Reaktion steht der Gedanke, dass ein zu starker Glaube intolerant machen würde, und die Zweifel deshalb eine Balance zur Stärke des Glaubens halten sollten. Dies mag für manche Religionen zutreffen, aber ein christlicher Glaube wird gerade dadurch tolerant, dass er stark ist, denn wer den biblischen Gott liebt, kann nicht anders als die Mitmenschen auch zu lieben. Allerdings muss man natürlich zugeben, dass es einigen Missbrauch dieses Glaubens gab. Die Frage, die sich stellt, ist nun, ob es sich deshalb lohnt, wegen des Missbrauchs den richtigen Gebrauch zu begrenzen. Im großen Ganzen gesehen wäre das kontraproduktiv, weil Menschen dann noch vielmehr beginnen würden, die anderen falschen Reaktionen auf den Zweifel zu verfolgen. Das würde im Endeffekt zu mehr Intoleranz führen, denn gerade so genannte „Tolerante“ verhalten sich besonders intolerant jenen gegenüber, die sie als intolerant sehen.

4. Zulassen, überdenken, nachforschen, überwinden
Der vierte und m.E. Beste Weg, um mit Zweifeln umzugehen, ist nicht der einfachste. Er ist nicht von heute auf morgen beschritten. Verdrängen, resignieren oder vergötzen ist viel einfacher und schneller getan. Wir brauchen vor Zweifeln keine Angst haben. Wir können sie als ein Werkzeug betrachten, das Gott gebraucht, um uns zu stärken. Das Ziel sollte sein, sie irgendwann überwunden zu haben und zur Seite legen zu können, wie einen Hammer, nachdem man sich den Daumen rot und den Nagel in die Wand geschlagen hat. Wir dürfen wissen, dass Menschen seit Jahrtausenden Zweifel gehabt haben; und so haben sich viele Generationen mit denselben Fragen beschäftigt, die wir uns auch heute noch fragen. Wir dürfen die Bücher früherer Generationen befragen, aber auch anderer Menschen in unserer eigenen Generation. Es ist wertvoll, einen Freund zu haben, mit dem man darüber sprechen kann. Es ist nicht immer alles einfach und so schnell beantwortet, wie wir uns das wünschen. Aber es lohnt sich – und macht uns stärker im Glauben und Vertrauen in Gott. Mit Fragen, die den Glauben betreffen, beschäftige ich mich übrigens auch auf meinem zweiten Blog, und lade dazu ein, mir dort Fragen zuzusenden, die sich damit befassen.


Samstag, 14. Januar 2017

Benjamin Franklin – eine vielseitige Person

Ich bin gerade dabei, die Franklin-Biographie von Walter Isaacson zu verdauen. Vermutlich werde ich dazu mehrere Blogposts brauchen – schaun mer mal. Das Erste, was ich ganz spannend finde, ist die vielseitige Persönlichkeit von Benjamin Franklin. Er war ein Mann, der sich selbst sein Leben lang immer wieder „neu erfunden“ hat, man könnte sagen, eine „liquide“ oder „flüssige“ Persönlichkeit. Seine Autobiographie hat er aus der Sicht des alten, weisen Mannes geschrieben und dadurch einige Dinge gerade gebügelt, damit sie sich besser anhörten. Natürlich hat er auch über seine Fehler geschrieben, aber so, dass sich aus seiner späten Sicht besser anhörte. Seinen Erfolg hat er einem optimalen Zusammenspiel dieser Fähigkeit zur Anpassung, aber auch seinen unveränderlichen Lebenszielen und -tugenden zu verdanken. Er hatte sich immer wieder Maximen aufgeschrieben. Bei diesen ging es ihm darum, sich selbst perfektionieren zu können. Ähnlich wie auch Jonathan Edwards mit 19 Jahren seine 70 „Resolutions“ aufgeschrieben hat. Im Unterschied zu Franklin wusste Edwards darum, dass er Gottes Hilfe benötigen würde. Franklin wollte sich selbst dorthin bringen, wo er sagen konnte, dass er sich perfekt an seine Vorsätze gehalten habe.

So will er etwa „extrem sparsam“ sein, wenn er noch eine Schuld zu begleichen hat, immer die Wahrheit sagen und nichts versprechen, was er nicht halten kann, in allem immer fleißig zu sein und nicht zu versuchen, schnell reich zu werden, da Fleiß und Geduld der richtige Weg zum Wohlstand sind, aber auch dass er nie von jemandem fälschlicherweise schlecht reden will. Das waren seine ersten Vorsätze, die er sich schon als junger Mann vorgenommen hatte. Später kamen noch weitere hinzu. Diesen Vorsätzen wusste er sich verpflichtet. Es waren Tugenden, die er unter allen Umständen aufrecht erhalten wollte. Er war sich aber auch bewusst, dass er es nicht immer schaffte. Diese Tugenden waren das feste Fundament seines Lebens, an denen er sich orientierte. Und hier wird es auch gerade für uns Menschen heute interessant. Wir haben die Tugenden durch Werte ersetzt. Werte können sich ändern und tun es auch beständig. Franklin hatte dank diesen Tugenden, die sein Leben fixierten, die Möglichkeit, sich selbst ständig an neue Umgebungen, Kulturen und Herausforderungen anzupassen. Wenn sich aber auch das Fundament (die Werte) ständig ändern, so befindet man sich auf einem sinkenden Schiff: Man ist nur noch darum bemüht, im Chaos irgendwie zu überleben und passt dem entsprechend auch die Werte immerzu neu an die Situation an. Die Standhaftigkeit im Leben fehlt dadurch.

Franklin war Drucker, Verleger, Entdecker, Erfinder, Diplomat, Politiker und manches mehr. Dadurch kam er immer wieder in neue Gesellschaften und in neue soziale Gefüge hinein. Die Tugenden gaben ihm eine Festigkeit „nach unten“, sodass er sich an diese neuen Gegebenheiten anpassen konnte. In den amerikanischen Kolonien (später USA) war es gut, dass er seinen Fleiß zur Schau tragen konnte. Dort war dies wichtig. Doch als er später in Frankreich lebte, traf er auf eine ganz andere Kultur. In Frankreich war man auch fleißig, aber was man zur Schau stellen musste, war das Spielerische, die Freude, das Party feiern, und so weiter. Er konnte sich problemlos daran anpassen, ohne dass er dadurch weniger produktiv geworden wäre. So hat er sich sein Leben lang immer wieder „neu erfunden“. Unsere Zeit versucht sich ständig neu zu erfinden, ohne festes Fundament und ohne Tugenden zu haben. Das Resultat ist verheerend: Man weiß gar nicht, wer man ist und ist dazu verdammt, sein Leben lang sich um sich selbst drehend nach seiner Identität zu suchen. Hier wird deutlich, wie sehr unsere Zeit das Evangelium braucht, das uns Tugend und Identität, Gewissheit für alle Ewigkeit und mit der ganzen Heiligen Schrift, der Bibel, ein zuverlässiges Fundament schenkt.


Freitag, 6. Januar 2017

Der kleine Katechismus des Zeitgeistes

Was soll dieser Katechismus sein?
1. Alle Punkte in diesem Katechismus sind nur Vorschläge. Manche widersprechen sich gegenseitig. Das macht nichts. Suche Dir die aus, welche Dir am besten gefallen und kümmere Dich nicht um logische Fehlschlüsse oder Widersprüche. Logik ist ein Machtmittel der heterosexuellen weißen Männer, die alle anderen unterdrücken und an ihrer Selbstfindung hindern wollen.

Wer bist Du, wer bin ich?
2. Es gibt Dich nur einmal, deshalb kannst nur Du sagen, wer Du bist oder wer Du sein willst. Jeder muss seine eigene Wahrheit finden. Du darfst sein, wer und was immer Du willst. Jeder muss das akzeptieren, Dich darin unterstützen und ermutigen. Wer das nicht tut, ist intolerant. Wichtig ist, dass Du Dich möglichst wohlfühlst mit dem, was Du werden willst. Dein Gefühl wird Dich leiten auf dem Weg zu Dir selbst. Erschaffe Dein Selbst und Deine Identität und dann lebe sie aus!

Was ist Wahrheit?
3. Es gibt keine absolute Wahrheit, oder zumindest kann diese niemand erkennen. Jeder ist in seiner eigenen Biographie gefangen und kann sich allerhöchstens dieser immer ein wenig annähern. Aber nur Du kannst sagen, ob Du Dich ihr annäherst oder nicht, denn die Wahrheit hat nichts mit dem zu tun, was außerhalb ist. Eine Wahrheit existiert in jedem von uns drin. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seinen eigenen Weg und sein eigenes Leben.

Was soll ich glauben?
4. Wenn es Dir gut tut, kannst Du an einen Gott oder ganz viele Götter oder auch an eine göttliche Natur glauben. Da kann jeder für sich selbst entscheiden, was er glauben will. Niemand darf versuchen, Dich von seiner eigenen Wahrheit oder seinem eigenen Glauben zu überzeugen, das wäre intolerant. Die einzige Ausnahme bildet da der Kanon der Naturwissenschaften. Diese sind unhinterfragbar, denn dank diesen funktioniert das ganze Weltall noch.

Wo finde ich meinen Halt im Leben?
5. Alles, was früher als Halt und Identität gesehen wurde, hat versagt. Am Ende bleibst nur Du selbst übrig. Der einzige Halt, der Dir gegeben werden kann, ist Deine Suche in Deinem Selbst, wo Du hoffen kannst, eine Antwort zu finden. Deshalb darfst Du ein Leben lang alles ausprobieren, was andere sind, und schauen, ob Du Dich dort irgendwo in einer anderen Person wiederfindest. Vergleiche Dich mit anderen und versuche, so zu werden wie sie sind, damit Du auf Deiner Suche nach Dir vorankommst.

Woher kommen wir?
6. Mit größter Wahrscheinlichkeit sind wir alle ein Produkt des Zufalls, eine nahezu endlose Aneinanderreihung von Verbesserungen, die sich von selbst aus dem Nichts heraus gebildet haben. Da wir irgend eine Art von Trockennasenaffen sind, dürfen wir uns nichts auf uns einbilden. Unser Gehirn ist ein Zufallsprodukt, das so tun kann, als würde es uns auf einen objektiveren Standpunkt stellen als wir ihn eigentlich haben.

Wie sollen wir denn leben?
7. Das Ziel unseres Lebens ist es, dass wir uns selbst finden, uns selbst verwirklichen, uns zu dem machen, was wir sein wollen. Gleichzeitig müssen wir gut aufpassen, dass jeder (außer uns selbst, denn wir sind ja durch diese große Erkenntnis sowieso schon für die Toleranz prädestiniert) tolerant ist und sich so verhält, dass er niemand anders versucht, von seiner Wahrheit zu überzeugen. Da unsere Wahrheit aber automatisch tolerant macht, stehen wir darüber und müssen uns dieser Regel nicht beugen.

Was ist das Böse in der Welt?
8. Es gibt viele Theorien zum Bösen in der Welt. Objektiv ist nichts böse, nichts schlecht, weil es immer auf die Kultur ankommt, wo etwas geschieht. Alles ist eine unfreiwillige Reaktion auf etwas vorher, jeder Täter ist ein Opfer – außer wenn er intolerant ist oder unserer großen Erkenntnis widerspricht. Dann ist jedes Mittel recht, um diese intoleranten Personen zu zerstören und ihren Ruf zu ruinieren.

Was ist unsere größte Hoffnung im Leben und im Sterben?
9. Unsere größte Hoffnung im Leben und im Sterben ist, dass die Welt nach unserem Leben und Tod toleranter und mit weniger Atomkraftwerken zurückgelassen wird. Es darf am Ende nur noch Windkraft geben, denn dann hat man zwar viel Natur damit zerstört, aber immerhin ist es Windkraft und nicht Atomkraft. Und Windkraft ist per Definition gut, während Atomkraft per Definition schlecht ist.

Was kann man tun, damit die Welt etwas friedlicher wird?
10. Die große Erkenntnis des Zeitgeistes muss verbreitet werden. Es darf keine Nationen mehr geben, denn sonst kann sich diese Erkenntnis nicht überall gleichzeitig schnell und gut verbreiten, vielmehr braucht es eine Weltherrschaft unter dem Zeichen des Zeitgeistes mit einer starken Person, die diese Welt in den ewigen Frieden leiten kann. Wenn jeder schlussendlich diese Wahrheit erkennt, wird keiner mehr intolerant und alle werden nur noch Windkraft wollen. Jeder darf in diesem Paradies sich selbst suchen, finden und andere in dieser Suche unterstützen.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Ein neues Lesejahr beginnen

Ich habe das letzte Jahr beendet, indem ich ein paar der Bücher aufgezählt habe, die mich letztes Jahr besonders beschäftigt haben. Für dieses Jahr habe ich auch schon einige Ideen, die allerdings mehr Ideen sind und an die ich mich nicht sklavisch binden werde. Aber ich möchte mal kurz ein paar Rubriken aufzählen, in denen ich Ideen habe und damit auch auf die letztjährigen Rubriken eingehen. Welche Rubriken man nimmt und wie man die Bücher darin einteilt, ist eine Geschmackssache. Ebenso natürlich, was man überhaupt lesen will. Wobei es meiner Meinung nach ein paar gute Tipps gibt, die helfen, dass man ein wenig über den Tellerrand blicken kann. Was lese ich für Rubriken?

1. Ich lese die Bibel.
Regelmäßig. Täglich. Vor allem anderen. Sie ist das Erste, was ich lese, wenn mein Tag beginnt. Meist zu einer Tasse Kaffee, wenn unser Sohn gerade ein wenig für sich am Spielen ist. Manchmal auch erst im Laufe des Vormittags, wenn der Tagesstart etwas schwierig war. Aber vor jeder eMail und vor jedem anderen Buch – sei es digital oder analog. Seit 2,5 Jahren lese ich sie nach dem Vorschlag von James Gray. Das ist sehr herausfordernd und oft nicht einfach. Nicht jeden Tag schaffe ich meine geplanten vier Kapitel. Aber langsam und sicher geht es voran.

2. Ich lese Bücher zum Predigen.
Seit ich 2007 zum ersten Mal in einer Gemeinde „so richtig“ gepredigt habe (vorher waren es Andachten, Kinderstunden und manches mehr), lese ich jedes Jahr ein- bis zweimal das Buch von D. Martyn Lloyd-Jones, „Die Predigt und der Prediger“. Zusätzlich schaue ich, dass ich jedes Jahr ein bis zwei andere Homiletiken lese. Leider gibt es in dem Bereich entweder eher wenig Gutes, oder ich bin durch Lloyd-Jones derart verwöhnt, dass mir alles andere zu wenig hilfreich erscheint. Die m.E. Immer noch besten Bücher sind in diesem Blogpost vorgestellt. Wer noch mehr Empfehlungen hat, darf gerne einen Kommentar hinterlassen.

3. Ich lese Romane.
Ich muss zugeben, dass ich diese Sparte zu lange vernachlässigt habe. Lange habe ich weniger als eine Handvoll Romane pro Jahr gelesen; die meisten davon nur für die theologische Auseinandersetzung, da sie als „christlich“ angepriesen wurden. Das war ein Fehler, denn Romane sind viel mehr als nur das. Letztes Jahr habe ich einige „klassische“, also „ältere“ Romane gelesen; so nebst Tolkiens „Herr der Ringe“ etwa die Lord-Peter-Wimsey-Serie von Dorothy L. Sayers (ein wunderbares Werk übrigens; jeder Band darin erzählt eine eigene Geschichte; und doch ist alles zusammen in eine große Meta-Geschichte eingepackt, die sehr berührt) und die großen Romane von Fyodor Dostojewski. Für dieses Jahr plane ich, mit Jane Austen und Lew Tolstoj fortzufahren; suche aber noch ein paar neuere Romane. Gerne lese ich Bücher von Stephen King, dem Ehepaar Heike und Wolfgang Hohlbein oder John Grisham. Daneben dürfen auch andere Autoren und vor allem Romane von diesen vorgeschlagen werden, die in den letzten etwa 10 Jahren verfasst wurden. Bei Romanen bitte immer eine gute Begründung, warum ich genau dieses Buch lesen solle. Ohne (sinnvolle) Begründung kann ich damit nichts anfangen.

4. Ich lese Biographien.
Hierzu gehören gerade auch Biographien christlicher Prediger, Evangelisten, Missionare, etc. dazu, aber nicht nur. Auch Politiker, Philosophen und Wissenschaftler finde ich total spannend. Dieses Jahr werde ich die Benjamin-Franklin-Biographie von Walter Isaacson lesen; dazu jene von Tim Jeal über den Gründer der Pfadfinderbewegung, Lord Baden-Powell (BiPi). Weitere über deutsche und amerikanische Politiker habe ich in Planung, werde mich dafür aber kurzfristig entscheiden. Ein langjähriger Wunsch ist die zweibändige Biographie George Whitefields, die Arnold Dallimore geschrieben hat. Bisher hat mich der Preis immer abgeschreckt. Mit größter Wahrscheinlichkeit werde ich mir auch mal eine Biographie von Donald Gee, dem Bibellehrer frühen Pfingstbewegung, beschaffen.

5. Ich lese wissenschaftliche Bücher.
Mein „großes“ wissenschaftliches Thema letztes Jahr war von meinem Wunsch geprägt, Albert Einstein und dessen Theorien besser zu verstehen. Hierzu habe ich zuerst die Einstein-Biographie von Albrecht Fölsing gelesen. Bald wurde mir klar, dass das ein guter Einstieg ist, aber noch nicht ausreicht, um die Materie zu stemmen. Deshalb habe ich dann „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking und „Gott und die Gesetze des Universums“ von Kitty Ferguson gelesen. Beide Bücher sind sehr spannend, wobei man gleich sagen muss, dass man da nicht allem zustimmen muss, was sie schreiben. Für dieses Jahr plane ich mit großer Sicherheit, Thomas S. Kuhns „The Structure of Scientific Revolutions“ zu lesen. Vielleicht gibt es dazu auch mal noch einen Blogpost. Am Rande möchte ich übrigens noch einen Verweis auf Vern Sheridan Poythress' kostenlos als PDFs herunterladbare Bücher anbringen: Hier ist enorm viel wertvoller Lesestoff zu finden. „Logic“, „Redeeming Science“, „Redeeming Sociology“ und „In the beginning was the Word“ habe ich letztes Jahr sehr zu lesen genossen. Hier wird wohl das eine oder andere weitere auch noch auf meine Leseliste wandern.

6. Ich lese philosophische Bücher.
Wie schon am Anfang bemerkt, ist das mit den Rubriken so eine Sache. Biographien, Wissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie haben alle so überlappende Themen und Bücher. Deshalb fällt es mir auch oft schwer, Bücher genau dort einzuordnen und nicht gleichzeitig in zwei oder drei Rubriken. Letztes Jahr hat mich ein Philosoph begleitet, der mich schon seit vielen Jahren fasziniert hat: Friedrich Nietzsche. Ich habe seine wichtigsten Werke in der kostenlosen Kindle-Ausgabe gelesen. Besonders angetan hat es mir mal wieder die fröhliche Wissenschaft. Auch der Zarathustra ist sehr bewegend geschrieben. Dieses Jahr werde ich mich mal wieder an Immanuel Kant versuchen; das ist zumindest mal so geplant. Wie weit ich damit komme, ist nicht gesagt; es ist mir nicht einmal so wichtig, weil es mir mehr darum geht, mich in das Denken anderer Menschen hineinversetzen zu können und zugleich auch, weil es Literatur ist, die mich herausfordert.

7. Ich lese theologische Bücher.
Das ist vermutlich für die meisten Leser meines Blogs am selbstverständlichsten. Letztes Jahr war meine größte Herausforderung die vier Bände der „systematischen Theologie“ von David F. Wells. Es ist keine ST im herkömmlichen Sinn, sondern sie wird anhand der Veränderungen in der Kultur erarbeitet. Diese Bände sind eigentlich ziemlich kurz (zumal im Vergleich mit anderen Bänden, die ich gelesen habe), aber so herausfordernd geschrieben, dass ich das Buch manchmal nach wenigen Minuten des Lesens zur Seite legen musste um darüber nachzudenken und nicht selten auch zu beten. Für dieses Jahr plane ich, die Biblische Dogmatik von Wayne Grudem mal wieder zu lesen (mit einem Kapitel pro Woche kommt man in einem Jahr fast hindurch). Eventuell kommt John Frame noch dazu oder etwa von Don Carson. Und dann muss natürlich auch noch ein Buch zur Apologetik in die Liste, eventuell von Richard Swinburne oder William Lane Craig. Aber auch hier werde ich mich eher kurzfristig festlegen.

Und jetzt bin ich auf Deine Leseliste und Empfehlungen gespannt.


Sonntag, 1. Januar 2017

Neues Herz, neuer Geist

Darum sprich zu dem Haus Israel: So spricht Gott, der Herr: Nicht um euretwillen tue ich dies, Haus Israel, sondern wegen meines heiligen Namens, den ihr entweiht habt unter den Heidenvölkern, zu denen ihr gekommen seid. Darum will ich meinen großen Namen wieder heilig machen, der vor den Heidenvölkern entheiligt worden ist, den ihr unter ihnen entheiligt habt! Und die Heidenvölker sollen erkennen, dass ich der Herr bin, spricht Gott, der Herr, wenn ich mich vor ihren Augen an euch heilig erweisen werde. Denn ich will euch aus den Heidenvölkern herausholen und aus allen Ländern sammeln und euch wieder in euer Land bringen. Und ich will reines Wasser über euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von aller eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut. (Hesekiel 36, 22 – 27)

Ein neues Herz, ein neuer Geist. Alles neu macht nicht der Mai, sondern Gott. Der Mai (und auch das „neue“ Jahr) kann nichts wirklich neu machen. Das neue Jahr kann nur das alte Jahr weiterführen. Es ist nichts Magisches an einem Jahresanfang. Aber es ist gut, wenn wir uns immer wieder Zeit nehmen, um darüber nachzudenken, wo wir gerade stehen. Dazu eignet sich ein Jahresanfang, ein Monatsanfang und natürlich auch ein Wochen- oder Tagesanfang sehr gut. Was wir Menschen machen können, ist nicht einmal wirklich etwas Neues. Wir können eine Menge künstlicher Stoffe herstellen; aber selbst für Kunststoff braucht man natürliche Stoffe, die dafür chemisch umgewandelt werden. Neu ist auch das nicht wirklich.

Doch wenn Gott sagt, dass ER etwas neu macht, dann ist es wirklich neu. Gott schafft das Neue nicht aus etwas Altem, sondern ganz neu, aus dem Nichts. Wenn Gott sagt, dass ER uns ein neues Herz schenken möchte, so ist das nicht unser altes Herz in einer etwas verbesserten Form, sondern es ist ein ganz neues Herz. Die Wiedergeburt ist eine Herztransplantation. Sie erfüllt uns mit einem neuen Verlangen, dem Verlangen, ganz rein und heilig zu leben. Sie reinigt unser Leben durch Gottes Wort, die Bibel. Hesekiel spricht davon, dass Gott reines Wasser über Sein Volk sprengen will. Wasser ist ein Symbol für die Bibel (vgl. Epheser 5,26). Wir brauchen ein neues Herz, weil wir merken, dass es mit dem alten Herz einfach nicht geht. Jeremia meint dazu ganz nüchtern: Kann wohl ein Mohr seine Haut verwandeln, oder ein Leopard seine Flecken? Dann könnt ihr auch Gutes tun, die ihr gewohnt seid, Böses zu tun! (Jeremia 13,23)

Gott möchte uns mit Seinem Heiligen Geist erfüllen. Das bedeutet, dass Er in unserem Leben regieren will. Es bedeutet, dass wir immer wieder bereit sein sollen, unseren Willen Ihm zu unterstellen. Zu sagen: Eigentlich fühle ich mich nicht so, aber nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe! Aber mit einem natürlichen Herzen und mit unserem menschlichen Geist können wir das nicht. Gott verlangt von uns etwas, was unmöglich ist, weil ER das Unmögliche in unserem Leben tun möchte. Er möchte, dass wir einsehen, dass wir Ihn brauchen, dass wir unsere Schuld, unser vollkommenes Unvermögen, Ihm zu gefallen, einsehen und Ihn um Vergebung bitten. Jesus Christus ist gestorben und nach drei Tagen auferstanden und lebt heute und sitzt zur Rechten Gottes des Vaters, damit es für uns möglich ist, ein neues Herz und einen neuen Geist zu bekommen. Das ist ein wunderbarer Jahresanfang, wenn wir Gott unser ganzes Leben geben und Ihn bitten, aus unserem Chaos, Schmerz, Scherben und Egoismus ein neues Mosaik zu gestalten.


Freitag, 30. Dezember 2016

Bücher, die mich 2016 speziell beschäftigt haben

Von den rund 80 Büchern, die ich letztes Jahr gelesen habe, möchte ich hier eine Auswahl nennen, die mich besonders beschäftigt, berührt oder beeinflusst haben. Nicht alles in allen Büchern kann ich unterschreiben, also bitte ich etwaige von mir beeinflusste Leser darum, alles mit Verstand und Unterscheidung zu lesen oder im Zweifel vorher nachzufragen. Links führen zu meinen Blog-Posts zu den jeweiligen Büchern.

Romane
-J. R. R. Tolkien, Herr der Ringe
-Dorothy L. Sayers, Mord braucht Reklame

Biographien

Geschichte
-Richard Tarnas, Das Wissen des Abendlandes
-Alexis De Tocqueville, Democracy in America

Theologie
-David F. Wells, Losing Our Virtue
-Vern S. Poythress, Redeeming Science
-Mark Noll, The Scandal of the Evangelical Mind

Sonstiges
-Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit
-Kitty Ferguson, Gott und die Gesetze des Universums
-Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft


Mittwoch, 21. Dezember 2016

Das nehme ich mir fürs Neue Jahr vor.


Jedes Jahr kommt zwischen Weihnachten und Neujahr häufig die Frage auf: Und was nimmst Du Dir fürs Neue Jahr vor? Und dann stößt meine Antwort meist auf Unverständnis und große Augen. Heute möchte ich diese Antwort etwas genauer untersuchen und auch begründen. Meine Antwort lautet: Nichts.

Im Laufe der Jahre bin ich zum Schluss gekommen, dass diese Neujarsvorsätze einige Gefahren bergen und deshalb kontraproduktiv sind. Sie bergen die Gefahr, dass man das Umsetzen guter Erkenntnisse auf die lange Bank schiebt. Wenn ich erkenne, dass ich was ändern sollte, dann will ich nicht bis zum 1. Januar warten. Denn solange ich das erkenne und es nicht umsetze, ist es mir zur Sünde geworden (Jakobus 4,17). Wenn ich also sowas erkenne, dann nehme ich meine Terminplanung zur Hand und sehe zu, dass ich das so bald wie möglich ändern kann.

Die zweite Gefahr besteht darin, dass man den Jahresanfang vergötzt. Man hebt diesen derart als etwas Besonderes in die Höhe und schreibt ihm magische Kräfte zu. Magisches Denken ist ein Götzendienst. Wer denkt, am Anfang des Jahres würde es mit dem Umsetzen der Vorsätze besser klappen, weil es der Jahresanfang ist, schreibt diesem solche Kräfte zu. Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Wenn es natürlich zufällig der erste Tag ist, an welchem der Terminplan eine solche Umsetzung erlaubt, ist das kein Problem. Aber den Jahresanfang um des Jahresanfangs willen zu erhöhen ist Götzendienst.

Die dritte Gefahr sehe ich regelmäßig ungefähr am 10. Januar eintreffen. Dann macht sich Resignation breit. Dann kommt das Einsehen: Auch dieses Jahr hat es wieder nicht geklappt. Versuchen wir es halt nächstes Jahr wieder. Es entwickelt sich eine Gewohnheit des Nichtschaffens und eine Gleichgültigkeit. „Kann ja vorkommen. Ist ja nicht so schlimm. Habs mal wieder probiert und bin gescheitert.“ Zu diesem Punkt der Resignation möchte ich nie gelangen. Es ist mein Gebet, dass mein Zorn gegen die Sünde immer größer bleibt als die sich immer wieder entwickelnde Gleichgültigkeit.

Doch wie lässt es sich besser machen? Hier meine Tipps dazu.

1. Plane Veränderungen möglichst bald nach der Einsicht. Das Hinausschieben führt zum Vergessen, aber auch dazu, dass man dann immer wieder darüber nachdenkt, bis es sich plötzlich lächerlich oder unwichtig anfühlt.

2. Plane Veränderungen in kleinen Etappenschritten. Beispiel Bibellesen: Nicht von heute auf morgen gleich mit 5 Kapiteln anfangen, sondern zB enen Monat lang jeden Tag ein Kapitel, im zweiten Monat jeden Tag zwei Kapitel und so langsam steigern. Notiere die Etappenziele und lege fest, woran Du feststellen willst, wann das jeweilige Ziel erreicht ist.

3. Nimm Dir nie vor, nur mit etwas aufzuhören, sondern versuche, das Gegenteil der schlechten Gewohnheit zur guten Gewohnheit zu machen (oder etwas anderes Gutes, wenn es vom Schlechten kein Gegenteil gibt).

4. Behandle die guten Gewohnheiten wie wichtige Termine. Trage sie wenn möglich in den Terminplan ein mit Uhrzeit und halte Dich dann auch daran, selbst wenn es niemand überwacht.

5. Sprich mit einem Freund oder einer Freundin über den jeweiligen Vorsatz und bitte die Person, immer mal wieder nachzuhaken, wie es dabei gerade geht. Behandle den Vorsatz so, als ob Du ihn der anderen Person schuldig wärst.

6. Sei geduldig. Neue Gewohnheiten brauchen enorm viel Zeit. Und das ist gut so, auch wenn es uns oft lieber wäre, wenn es schneller ginge. Eine Gewohnheit ist eine sehr starke Verknüpfung im Gehirn. Wenn es einfacher ginge, wären alle Gewohnheiten nicht wirklich Gewohnheiten, sondern es würde uns lebenslänglich schwerfallen, richtig zu handeln.

7. Belohne Etappenziele. Suche etwas Gutes aus, was Du Dir beim jeweiligen Erreichen eines Etappenziels tust. Wichtig dabei: Etwas Gutes und keinesfalls das, was Du Dir grad abgewöhnen willst. Viel Erfolg beim Umsetzen der nächsten Vorsätze!


Freitag, 16. Dezember 2016

Fürchte Dich nicht... ...vor dem Fehler machen


Immer wieder fällt mir auf, wie viele Menschen zurückhaltend sind, am liebsten schweigen, sich bloß nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen. Aus Angst. Angst, sie könnten damit einen Fehler machen. Angst, sie würden damit Gott enttäuschen. Angst, sie würden nicht mehr ernst genommen. Angst, einen „Shitstorm“ auszulösen. Ein paar Gedanken dazu.

Jeder von uns wird immer wieder Fehler machen.
Wenn jemand an einen Unfall heranläuft, gibt es nur einen Fehler: Nichts zu machen. Wer keine Ausbildung in der Rettung hat, kann für Fehler nicht belangt werden. Wenn etwas passiert, was dem Verunfallten zusätzlich Schaden zufügt, so ist der Ersthelfer immer auf der sicheren Seite. Es ist natürlich ein Unterschied, wenn vorsätzlich Schaden zugefügt wird, aber davon gehen wir ja nicht aus. Wer hilft, möchte Leben retten. Und so ist es da gesetzlich geregelt, dass Ersthelfer nicht belangt werden können. Das Schlimmste, was man machen kann, ist nichts zu machen, aus Angst, etwas falsch zu machen. Seien wir ganz ehrlich: Jedem wird es immer wieder passieren, dass wir Fehler machen. Manchmal gibt es auch Situationen, wo wir uns nur zwischen schlechten Wahlmöglichkeiten entscheiden können. Das ist in unserer gefallenen Welt etwas ganz Normales. Damit müssen wir klarzukommen lernen. Wer das nicht einsehen will, verweigert sich der Realität. Auch in solchen Momenten ist es wichtig, dass wir irgend eine Entscheidung treffen und daran festhalten. Das Schlimmste ist, wenn wir nichts tun, weil dann wird die Entscheidung doch getroffen – aber nicht von uns selbst, sondern von den Umständen. In solchen Momenten ermutigt uns Martin Luther mit seinem Wort, das er schon 1521 seinem Freunde Melanchthon schrieb: „Sündige kräftig, aber glaube noch kräftiger.“ Wenn wir uns nur zwischen schlechten Möglichkeiten entscheiden können, so sollen wir nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung treffen und dies im Glauben an den Gott, der größer ist als unsere Entscheidungen.

Gott ist immer noch größer.
Das führt mich zu einem zweiten Gedanken. Es geht bei der Freiheit des Christen nicht darum, dass wir tun und lassen sollen, was uns gerade einfällt. Freiheit bedeutet nicht nur von etwas befreit zu werden, sondern vor allem zu etwas. Christus befreit uns von unserm Selbst. Vom Kämpfen um ein Selbst-Wertgefühl. Vom Stolz auf sich selbst und was man schon alles erreicht hat. Von der Selbst-Überhebung, mit der man sich besser fühlen will als der andere. Gott ist das Zentrum des Christen, weshalb dieser sich selbst verleugnen muss, damit er aufhört, um sich selbst zu drehen. Selbstverleugnung bedeutet, sich selbst zu sterben. Sich bewusst zu werden, dass man es nicht schafft. Dass man Jesus braucht. Dass man die Kraft der Auferstehung und ein neues Herz nötig hat, um Gott und seinen Nächsten zu lieben. Und da merken wir: Gott ist größer. Es geht nicht so sehr um uns selbst, es geht um Ihn. Gott ist größer als all unsere Fehler. Er ist so groß, dass Er unsere Fehler schon kennt, bevor wir sie begehen. Er ist so groß, dass Er unsere Fehler nutzen kann, um Geschichte zu schreiben. Das bedeutet nun keinesfalls, dass wir unsere Entscheidungen auf die leichte Schulter nehmen sollen. Es bedeutet aber, dass wir im Fall eines Falles wissen dürfen, dass unser Gott immer noch größer ist. Er wird nicht von uns enttäuscht oder überrumpelt von unseren Fehlern. Joseph wurde von seinen Brüdern verkauft und kam so nach Ägypten. Gott gebrauchte diese schreckliche Sünde, um damit Weltgeschichte und Heilsgeschichte zu schreiben und eine ganze Gegend in der Hungersnot zu bewahren.

Werdet wie die Kinder.
Wenn ich unseren Sohn beim Wachsen und Lernen zuschaue, so freue ich mich immer über alles Neue, was er lernt. Zur Zeit ist er immer wieder dabei, neue Wörter zu testen und zu lernen. Kinder lernen sehr leicht, weil sie sich keine Gedanken über Fehler machen müssen. Sie freuen sich, wenn sie was sagen können und besonders wenn sie auch noch verstanden werden. Wir dürfen auch hier von den Kindern lernen. Mir ist das Lernen von Sprachen schon immer recht leicht gefallen, weil ich da wenig Hemmungen habe, Fehler zu machen, korrigiert zu werden und daraus zu lernen. Korrektur ist nichts Schlechtes, sie ist nichts, dessen wir uns schämen müssen. Sie ist notwendig für jeden von uns. Leben ist lernen. Lernen bedeutet Fehler zu machen und zu korrigieren.


Donnerstag, 15. Dezember 2016

Abhörprotokolle von Soldaten im 2. Weltkrieg


Sönke Neitzel / Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, S. Fischer Verlag, 3. Aufl. 2011 Amazon-Link

Da mich Geschichte und Politik sehr interessiert, habe ich kürzlich das Buch „Soldaten“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer gelesen. Das Buch gibt einen sehr spannenden, wenn auch durchaus gewöhnungsbedürftigen Einblick in die Welt der Soldaten im 2. Weltkrieg. Es ist sehr lebhaft und interessant geschrieben. Die Soldaten, welche in den britischen und amerikanischen Gefangenenlagern waren, wurden bei ihren Gesprächen abgehört und die wichtigsten Gespräche wurden gleich mitgeschrieben. So kam es zu rund 150'000 Seiten Quellenmaterial, das lange Zeit in den Archiven verstaubte. Einige der Gespräche wurden ausgewählt und auszugsweise im Buch wiedergegeben. Dazwischen werden die Gespräche immer wieder im soldatischen Referenzrahmen eingebettet und so besser verständlich gemacht.

Was ist denn nun so ein Referenzrahmen? Ich möchte dazu ein paar Zitate aus dem Buch anführen: „Menschen sind keine Pawlow'schen Hunde. Sie reagieren nicht mit konditionierten Reflexen auf vorgegebene Reize. Zwischen Reiz und Reaktion gibt es bei Menschen etwas Hochspezifisches, das ihr Bewusstsein ausmacht und die menschliche Gattung von allen anderen Lebewesen unterscheidet: Menschen deuten, was sie wahrnehmen, und erst auf Grundlage dieser Deutung ziehen sie Schlussfolgerungen, entscheiden und agieren sie.“ (S. 16) Dieses „Hochspezifische“ wird im Buch als der Referenzrahmen bezeichnet. Referenzrahmen gewährleisten Handlungsökonomie: Das allermeiste, was geschieht, lässt sich in eine bekannte Matrix einordnen. Das wirkt entlastend: Kein Handelnder muss immer wieder bei null beginnen und stets aufs Neue die Frage beantworten: Was geht hier eigentlich vor? Der allergrößte Teil der Antworten auf diese Frage ist voreingestellt und abrufbar - ausgelagert in einen kulturellen Orientierungs- und Wissensbestand, der weite Teile der Aufgaben im Leben in Routinen, Gewohnheiten, Gewissheiten auflöst und den Einzelnen kolossal entlastet.“ (S. 17)

Moderne Menschen müssen beständig zwischen unterschiedlichen Rahmenanforderungen – als Chirurg, als Vater, als Kartenspieler, als Sportler, als Mitglied einer Eigentümergemeinschaft, als Bordellbesucher, als Patient im Wartezimmer, etc. - hin- und herwechseln und die mit jeder Rolle verbundenen Anforderungen bewältigen können. Dazu gehört auch, dass man das, was man im Rahmen der einen Rolle tut, aus der Sicht der anderen Rolle distanziert betrachten und beurteilen kann – dass man also zu unterscheiden in der Lage ist, wo Emotionslosigkeit und professionelle Kälte gefragt sind (bei einer Operation) und wo nicht (beim Spiel mit den Kindern).“ (S. 23)

(Mein Einwurf) Der Referenzrahmen ist also die kulturelle Eingebettetheit, in der eine Weltanschauung entsteht. Weltanschauungen lassen sich von uns reflektieren. Beim Referenzrahmen ist das viel schwieriger, weil dieser nicht nur von einem selbst abhängt, sondern von der ganzen Umwelt (Kultur) mitgeprägt wird. Hier bedarf es immer wieder einer objektiven, mit der Geschichte abgeglichenen Sicht aus der Distanz und das Bewusstsein, dass unsere Zeit und Kultur kein Deut besser sind als alle anderen. Das Problem unserer Zeit besteht darin, zu glauben, dass man tolerant sei, aber zugleich die eigene Toleranz vergötzt, erhöht und versucht, andere Kulturen zur selben Toleranz zu missionieren. (Ende Einwurf)

Wie kommt es, dass im 2. Weltkrieg so viel Gewalt normal war? Sie war es deshalb, so die Autoren, weil der Krieg ein Umfeld schuf, in dem die Gewalt erwünscht war und so auch genügend Gelegenheiten dazu gab. Letzten Endes gibt es immer Gewalt, die Frage ist nur, in welcher Form: „Im häuslichen Bereich gibt es nach wie vor Gewalt gegen Partnerinnen und Partner, gegen Kinder und Haustiere, in abgeschotteten sozialen Räumen wie in Kirchen oder Internaten ebenfalls. In öffentlichen Räumen wie Stadien, Diskotheken, Kneipen, in U-Bahnen oder auf der Straße finden Schlägereien und Überfälle, auch Vergewaltigungen statt. Daneben gibt es reguläre Formen öffentlichen Gewaltgebrauchs jenseits des staatlichen Gewaltmonopols, etwa im Kampf- oder Boxsport und in den Inszenierungen von Sado-Maso-Clubs. Jede Fahrt auf einer deutschen Autobahn belehrt einen über die chronische Gewalt-, gelegentlich sogar Tötungsbereitschaft ganz normaler Menschen.“ (S. 91)

(Mein Einwurf) Die Bibel macht uns klar, dass es Gewalt gibt seit dem Sündenfall. Bereits in der zweiten Generation der Menschheit gibt es Mord und Totschlag, Neid und Hass. Das sind keine „Mythen mit tieferer Bedeutung“, sondern ist so geschehen, wie Gottes Wort bezeugt. Es sollte uns also nicht erstaunen, dass es in jeder Generation sehr viel Gewalt gibt. Wir sollten uns also auch nicht einbilden, besonders gut zu sein, denn obiges Zitat zeigt, dass wir nicht besser sind, sondern lediglich die Situationen und Legitimation anders geworden sind. Dafür dürfen wir dankbar sein. (Ende Einwurf)

Der Krieg war für viele Soldaten ein Abenteuer. Er gab ihnen die Möglichkeit, sich besser zu fühlen. Sie wurden gebraucht. Sie bekamen einen Sinn im Leben an der Front. Sie konnten Rache nehmen für bereits getötete Freunde und Kollegen. Sie hatten eine Menge neuer Technik, auf die sie stolz waren. Sie konnten ihre Tapferkeit unter Beweis stellen. Und nicht zuletzt konnten sie auch Abzeichen sammeln, die besonders hervorragenden verliehen wurden. All das ist kurz zusammengefasst der wichtigste Inhalt der Protokolle. Man sollte nicht vergessen, dass der Soldat ein Arbeiter im Krieg war. Seine Arbeit war das Töten und Zerstören. Das ist der Unterschied. Die meisten Arbeiten sehen sonst das Aufbauen von etwas vor. Im Krieg ist es das Gegenteil. „Soldaten lösen ihre Aufgabe mit Gewalt; das ist schon das Einzige, was ihr Tun systematisch von denen anderer Arbeiter, Angestellten und Beamten unterscheidet. Und sie produzieren andere Ergebnisse als zivile Arbeitende: Tote und Zerstörung.“ (S. 418)

Die Autoren kommen zur Schlussfolgerung: „Man sollte sich besser fragen, ob und unter welchen sozialen Bedingungen Menschen vom Töten ablassen können. Dann könnte man aufhören, jedes Mal, wenn sich Staaten dazu entscheiden, Krieg zu führen, in ostentative Erschütterung darüber zu verfallen, dass es dabei Verbrechen und Gewalt gegen Unbeteiligte gibt. Die gibt es deswegen, weil der Referenzrahmen 'Krieg' Handlungen gebietet und Gelegenheitsstrukturen entwickelt, in denen Gewalt nicht oder nicht vollständig eingehegt und begrenzt werden kann. […] Wenn man aufhört, Gewalt als Abweichung zu definieren, lernt man mehr über unsere Gesellschaft und wie sie funktioniert, als wenn man ihre Illusionen über sich selbst weiter teilt. Wenn man also Gewalt in ihren unterschiedlichen Gestalten in das Inventar sozialer Handlungsmöglichkeiten menschlicher Überlebensgemeinschaften zurückordnet, sieht man, dass diese immer auch Vernichtungsgemeinschaften sind. Das Vertrauen der Moderne in ihre Gewaltferne ist illusionär. Menschen töten aus verschiedensten Gründen. Soldaten töten, weil das ihre Aufgabe ist.“ (S. 421f)

Was dem Buch fehlt, ist der positive Ausblick, den uns Gottes Wort, die Bibel, gibt. Und das in zweifacher Form. Sie weiß darum, dass der Mensch durch eine echte Bekehrung und Wiedergeburt durch Gottes Kraft verändert werden kann. Sie weiß um die Versöhnung, die schon hier auf Erden möglich ist. Und sie weiß darum, dass das Leben in dieser Welt nicht das letzte Wort sein wird. Deshalb ist es die Aufgabe der weltweiten christlichen Kirche, die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzugeben. Weil ER der Einzige ist, der uns tatsächlich von innen nach außen verändern und ein neues Herz mit Liebe statt Hass schenken kann.

Was mir beim Lesen immer wieder aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass viele Soldaten ihr Heil im Krieg gesucht haben. Sie sahen im Krieg den Sinn ihres Lebens. Sie wollten immer wieder den kurzen Kick des Spaßes und des Machtgefühls, wenn man seine Gegner umlegen kann. Sie suchten das Abenteuer und die Belohnung im Krieg – wenn sie nur gewusst hätten, dass das größte Abenteuer ein Leben mit Jesus Christus und die größte Belohnung das ewige Leben mit Gott ist.


Freitag, 2. Dezember 2016

Wie können wir denn im postfaktischen Zeitalter leben?

Ich habe bereits vor einer Weile gezeigt, dass wir nicht die ersten sind, die in einem postfaktischen, postdemokratischen und postliberalen Zeitalter leben. Heute möchte ich noch einen Schritt weiter gehen und nach möglichen Antworten auf diese Frage suchen, wie man in einem solchen Zeitalter leben kann. Ich mache gleich zu Beginn zwei wichtige Unterscheidungen. Es gibt zwei mögliche Arten von Antworten auf diese Frage. Eine Art befindet sich innerhalb des Bereichs der allgemeinen Gnade und eine Art innerhalb der speziellen Gnade. Was ist der Unterschied? Die allgemeine Gnade ist die Art, wie Gott unsere Welt lenkt und jeden Menschen und die gesamte Schöpfung segnet. Allgemeine Gnade ist, dass jeder Mensch ein Gewissen hat. Durch das Gewissen wird jeder Mensch davon abgehalten, so schrecklich zu handeln, wie er könnte, wenn er das Gewissen nicht hätte. Zur allgemeinen Gnade gehört, dass Gott die Naturgesetze aufrecht erhält, dass nach dem Regen wieder Sonne, nach der Nacht wieder Tag und nach dem Winter wieder Sommer kommt. Zur allgemeinen Gnade gehört auch, dass es Staaten gibt, die ebenfalls dazu beitragen, dass nicht jeder tun und lassen kann, was ihm gerade in den Sinn kommt, da der Staat dazu Gesetze schafft, die uns in Erinnerung rufen, dass nicht alles erlaubt ist und die uns vor dem Unerlaubten abschrecken. Zur allgemeinen Gnade zählt auch, dass jeder Mensch in der ganzen Schöpfung Gott erkennen kann, aber auch die Freiheit hat, diese Erkenntnis abzulehnen und zu unterdrücken. Zur speziellen Gnade hingegen zählt alles, was Gott denen verspricht, die an Ihn glauben, die von Neuem geboren sind. Aus dem Blickwinkel der speziellen Gnade ist die Antwort auf unsere Frage eindeutig: Was wir brauchen, ist Erweckung, denn dort, wo viele Menschen zum lebendigen, heiligenden und umgestaltenden Glauben kommen, verändert sich auch die jeweilige Gesellschaft zum Guten.

Aber was ist, solange es noch keine solche Erweckung in unserer westlichen Welt gibt? Kann es da eine Antwort geben, die auch aus der Sicht der allgemeinen Gnade zum Guten führt? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es auf jeden Fall gute Ansätze gibt, die man überdenken und weiterentwickeln kann. In der Zeit des griechischen Postfaktizismus war es zum Beispiel der Philosoph Aristoteles, der sich darüber Gedanken machte, wie man in dem Zeitalter leben könne. Aristoteles kam zum Schluss, dass die Tugend etwas besonders Wichtiges ist. Doch was ist Tugend genau? David F. Wells beschreibt das in seinem Buch „Losing Our Virtue“ sehr gut. Ich versuche, mit eigenen Worten kurz zu fassen, was Wells als Tugend herausarbeitet. Es gibt im Leben drei Arten von Bereichen. Ein solcher Bereich wird vom Staat mit seinen Gesetzen abgedeckt. Mord und Diebstahl werden durch Gesetze verboten. Das ist der erste Bereich. Auf der anderen Seite gibt es den Bereich der persönlichen Freiheit. Ich kann mich frei entscheiden, ob ich am Abend noch ein Buch lesen, auf Facebook chatten oder einen Film anschauen will. Da hat der Staat nichts festzulegen. Und dazwischen gibt es einen Bereich, der eigentlich durch die Tugend abgedeckt wurde. Die Tugenden sind Leitlinien, die das zwischenmenschliche Miteinander ermöglichen sollen. Höflichkeit ist eine Tugend, die früher in den Familien einen hohen Stellenwert besaß. Es war schwierig, unhöflich zu sein, denn die Menschen waren ihrer Gemeinschaft ein Stück weit ausgeliefert, man konnte nicht einfach so schnell umziehen und woanders eine neue Existenz aufbauen. Wer geizig war, wurde gemieden. Und so weiter. Die Strafe für untugendhaftes Verhalten kam ziemlich automatisch aus der Gesellschaft, in der man lebte. Diese Tugend ist heutzutage verloren gegangen. Zwischen den staatlichen Gesetzen und der persönlichen Freiheit ist ein Vakuum entstanden, um das sich nun die beiden Extreme, Staat und persönlicher Egoismus, streiten.

Aristoteles stand einem ähnlichen Problem gegenüber. In seiner Zeit waren es Sophisten, die eine Lehre vom Leben verbreiteten, die unserer Zeit in gewissen Punkten gleichen. Sie waren der Meinung, dass es keine absolute Wahrheit gebe. Alles sei relativ. Wahrheit sei das, was die besten Rhetoriker durch ihren besten Reden verkündeten. Heute ist Wahrheit das, was jene Minderheiten verkünden, die sich als am meisten unterdrückt darstellen können. Auch das ist eine Form der Rhetorik. Für die Sophisten war der Mensch das Maß aller Dinge. Auch heute klingt es ähnlich: Der Mensch würde seine Realität kulturell selbst konstruieren, und zwar so, dass die Konstrukteure der Realität jeweils die meiste Macht erhielten.

Aristoteles beginnt seine Untersuchung der Ethik mit etwas, was uns auch heutzutage sehr bekannt scheint. Er fängt mit der Feststellung an, dass alle Menschen nach Glück streben. Dazu muss er aber definieren, was Glück ausmacht. Er definiert Glück mit dem richtigen Handeln und richtigen Leben. Das höchste Gut im Leben, das was das Glück ausmacht, ist zugleich aber auch das höchste Ziel im Leben. Aristoteles sagt das ungefähr so: Jeder Mensch hat viele Ziele. Manche Ziele suchen wir für uns selbst, manche auch für andere Menschen, das höchste Ziel hingegen suchen wir um dieses Zieles willen. Und hier muss Aristoteles, aber auch jeder andere Mensch, der versucht, eine Begründung für sein Leben und Handeln außerhalb von Gott zu suchen, auf einen Zirkelschluss zurückgreifen. Die einzige Ethik, welche letztlich ohne einen solchen auskommt, ist die Ethik der Bibel, denn sie kann sich auf die unfehlbare Offenbarung Gottes verlassen.

Jeder Mensch strebt nach Glück. Glück bedeutet richtiges Leben und richtiges Handeln. Glück will der Mensch, um glücklich zu sein, und nicht um damit noch etwas anderes zu erreichen. Die Tugend ist dieses richtige Leben und richtige Handeln. Doch was gehört zu dieser Tugend dazu? Zwei Dinge: Erstens die Vernunft und zweitens das dieser Vernunft gemäße Handeln. Jeder Mensch hat im Leben bestimmte Aufgaben. Er hat einen Beruf, er hat Familie, er läuft an bestimmte Situationen heran, etc. und immer und überall steht er da als Mensch mit bestimmten Aufgaben. Nun gibt es nach Aristoteles viele Momente, in denen man nicht einfach sagen kann: Dann muss jeder die Handlung XY tun. Wer abends in Frankfurt an eine Schlägerei läuft, sollte nicht zwingend eingreifen, denn es könnte sein, dass er mit einem Notruf besser gehandelt hat. So kann die Aufgabe je nach Person ganz unterschiedlich aussehen. Einer ist handwerklich begabt, ein anderer eher intellektuell. Da haben nicht beide dieselbe Aufgabe im selben Moment, sondern wenn jeder mit seinem besten Können mithilft, wird die Sache im Endeffekt besser. Tugend ist nach Aristoteles die Mitte zwischen zwei Extremen:

Feigheit – Tapferkeit – Tollkühnheit
Geiz – Großzügigkeit – Verschwenderei
Schmeichelei – Freundlichkeit – Streitsucht

Sehr viele Tugenden lassen sich in diese Dreiteilung eingliedern. Die „Mitte“ bedeutet bei Aristoteles aber nicht 50%. Das kann sein, muss aber nicht. Es kommt jeweils auf die Situation an. Deshalb braucht es auch den Verstand dazu, der einem hilft, zwischen diesen Extremen zu entscheiden. Und dann gibt es auch noch Tugenden, die keine Mitte haben. Es gibt keine Mitte zwischen Mord und am Leben lassen. Oder keine Mitte zwischen Treue und Ehebruch. Deshalb sind Mord und Ehebruch immer zu verurteilen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch, dass diese Tugend immer etwas mit unserem Willen, mit einer festen Entscheidung zu tun hat. Ich glaube, das ist in unserer Zeit ebenso wichtig zu sagen wie es damals zur Zeit Aristoteles' war. Wir leben in einer Zeit, in welcher diese Entscheidungen verpönt sind. Eine Entscheidung für etwas bedeutet immer 1000 Entscheidungen gegen mögliche Alternativen. Als ich meine Frau heiratete, habe ich mich gegen Milliarden anderer Frauen entschieden. Aber wer sich nicht entscheidet, bekommt die Rechnung bald, denn dann entscheiden die Umstände für uns und wir müssen mit ihnen klarkommen. Tugend muss entschieden werden, weil sie das Gegenteil des instinktiven Handelns ist.

Doch wie kommen wir dorthin? Uns fehlt die Gesellschaft, die uns für die Untugend straft. Wir können jederzeit fliehen, jederzeit an einem neuen Ort eine neue Existenz aufbauen. Da braucht es unseren Willen, das zu durchdenken. Es braucht auch eine neue Erziehung zur Tugend. Ethik hat eine ganze Menge mit Erziehung zu tun. Der Grundsatz dafür muss lauten, dass es Richtig und Falsch gibt. Dass Richtig und Falsch nicht in den Extremen zu finden ist. Und dass der Mensch eine Vernunft bekommen hat, die ihm dabei hilft. Soviel zu einer Ethik der allgemeinen Gnade. Wichtig bleibt der Hinweis, dass alle Ethik niemanden zu Gott bringt. Dorthin führt nur ein Weg, eine Wahrheit und ein Leben - Jesus Christus.